Storywettbewerb 2002

Preisverleihung Achim HiltropAchim Hiltrop (l.) erhält den dritten Preis des Storywettbewerbs 2002. Mitte: Organisator Helge Lange. Rechts: Der Jury-Vorsitzende Horst Pukallus.
Hier findet ihr die Siegerstories aus dem Wettbewerb 2002. Zum bequemeren Lesen zu Hause vor dem Kamin haben wir die Stories als PDF-Dokument aufbereitet und zum Download bereitgestellt. Viel Spass beim Lesen …

1. Preis

Hard Facts

von Martin Roller (Lesen)

2. Preis

Das Lächeln am Ende des Tages

von Marcus Gebelein (Lesen)

3. Preis (I)

Abenteuerurlaub

von Eva Ehrenfeld (Lesen)

3. Preis (II)

Die Feder und das Schwert

von Achim Hiltrop (Lesen)


1. Preis

Hard Facts von Martin Roller

Also ehrlich, das können Sie mir glauben: Wenn jemand nach 23:00 Uhr mit einem rauch- und geräuschlosen Thermosprengsatz ihre Wohnungstür pulverisiert, eine bis an die Helmvisiere bewaffnete Horde von Greifercops des Orion Police Departments reinstürmt und ihnen eine 550.000 Volt-Ladung in Form eines Stunnergeschosses verpasst, während Sie sich gerade über eine echt übel zu- gerichtete Leiche beugen, dann ist eines mal Novasonnenarschklar: Sie haben da ein verdammt großes Problem am Hals!
Mein Name ist Eye Splinter und ich bin n' freier Berichterstatter und 3D-Kameramann. Na ja, nicht mehr so ganz frei. Im Augenblick jedenfalls. Hauptsächlich arbeite ich für die Tagespresse. NEW WORLD und den GLANCE in erster Linie. Die zahlen am besten. Dafür nehmen sie immer auch nur das Aktuellste, das Schnellste. Den Real Hot Stuff, Freunde! Hab auch schon mal für NEO MEDIA gearbeitet. Ziemlich hartes Management da. Übrigens, was immer Sie in den Medien oder im U-Net schon über meinen Fall gehört oder gesehen haben, ein Tipp: VERGESSEN SIE'S! NICHTS DAVON IST WAHR! Ich muss es wissen, denn ich kenn' die Wahrheit und ich werde Ihnen er-zählen, wie ich in diese Nackrattenscheiße reingeraten bin. Vielleicht können Sie ja dann mal n' gutes Wort für mich beim Justizzentralcomputer in Justice-City einlegen. Ne kurze Mail genügt. Na, wie wärs? Sie wollen erst meine Story hören? Okay, geht klar.
Es ist jetzt grade mal 36 Orionstunden her, da war ich noch ein freier und mächtig gefragter Mann im News-Buisness. Ja, Leute! Ich war der ungekrönte 3D-Cam-King und auch Sie, ja Sie da auch, jeder von Ihnen hat schon mal 'nen Bericht von mir in den Nullachthundert Abendnachrichten gesehen. Eine News, die ich gemacht hab. Gemacht! Ganz genau. Sie haben richtig gehört. Ich mache Nachrichten! Manche Leute machen Regen oder Nix oder einfach nur Scheiße. Ich mache News. Wie so was geht wollen Sie wissen? Ganz easy, Mann. Sie brauchen nur Phantasie und ein Gespür fürs Wesentliche und dann natürlich nen heißen Draht in die Redaktionen der größten interstellaren News-Provider, damit sie immer rechtzeitig wissen, was gerade 'IN' ist. Dann brauchen sie noch einen absolut illegalen aufgemotzten Skygleiter mit Ultrahochbeschleunigung und allen nur erdenklichen High-Tec-Spiel- ereien, damit Ihnen nicht nur heiße Luft durch die Hose pfeift, wenn Sie dahin düsen, wo echt was los ist. Aber vor allem brauchen Sie eins: so was wie mein Superbaby hier! Das beste auf dem illegalen Markt, das für Siriuscredits zu haben ist. Ne verdammt-beschissen-nackratten-arschgeile-echt-japanische Toyahashi-3D-MANCAM! Das ist das Alpha und Omega des ganzen News-Vodoo, Leute! Und ich hab sie! Deswegen bin ich mächtig. Der „King of News“. Und wenn ich durch die Redaktionen laufe oder abends im 'Meet the Press' meine sechs bis acht Centauri-Bierchen schlürfe, dann stecken meine Kollegen neidisch ihre Köpfchen zusammen, zeigen heimlich auf mich und flüstern: „Die Macht ist stark in diesem da!“ Geil was? Was an meiner MANCAM so besonderes ist? Oh, Mann! Unter welchem weißen Zwergstern sind Sie denn vorgekrochen? Also zunächst mal: sie ist 'ne waschechte Toyahashi! Na, gescannt? Niemand im ganzen Sonnensystem baut solche edlen Dinger wie unsere kleinen, gelben Scheiß-Japsen- freunde. Die Deutschen sind viel zu sehr mit ihrem Bürgerkrieg beschäftigt und technisch ohnehin schon seit 2099 komplett weg vom Fenster. Die Toyahashi ist absolut konkurrenzlos! Es gibt jede Menge Typen, so wie Sie, die total offline sind und glauben das 'MAN' stünde für 'Manuell' oder so was. Fatal Error, ihr Ahnungslosen! 'MAN' steht schlicht und ergreifend für 'MANIPULATION'. Alles, was ihr außer diesem Baby dann noch braucht, ist irgendwas zum abfilmen. Einfach irgendwas! Echt! Jeder Scheiß ist geeignet, denn es kommt allein drauf an, was ihr draus macht. Ich erklär's Ihnen. Also, mein letzter Tag als 'freier' Kameramann, der sah so aus: Irgendwann morgens gegen Nullsechshundert riss mich mein Vidcom aus den süßesten Träumen. Ich schob meine deaktivierte Gespielin, weiblicher Sex-Droide, Luxusmodell Naila (die ist heiß, Jungs!), beiseite und öffnete den Kanal. Ich sah in das aufgeregte Gesicht von Ace Krypt, meinem Toningenieur.
„Schwing deinen Arsch von der Blechmieze runter, Eye! Es gibt Action! Bin in fünf Stellarminuten bei dir. Gescannt?“ Bei Ace muss ich nicht breitspurig Daten abfragen. Wenn er sagt 'wichtig', dann ist es wichtig. Mit Warpgeschwindigkeit saß ich bei ihm in unserem Newsgleiter und Ace beschleunigte ihn ultrahoch. Wir hatten den Pressefunk eingeschaltet. Wo immer im Sonnensystem Neuigkeiten passieren, gehen sie gnadenlos sofort über diesen Ticker. Sogar die Bullen hören ihn ab, weil sie sonst überhaupt nichts mehr scannen würden und nur noch zu spät kämen. Eigentlich dürfen sie's nicht. Ist illegal. „Ein Brand im Raumhafen, Dock 217, Ein Rapsöltanker steht in Flammen.“, grinste Ace. Wir schossen hinauf in die Stratosphäre und ab ins All. Schon von weitem sahen wir die Docks. Wir waren enttäuscht. Keine Spur von irgendwas. Ace machte ein langes Gesicht, wie ein capellanisches Trihöckerkamel und flog eine Kurve. Da war der Tanker! Aus seiner Backbordantriebsdüse floss Löschmittel. Ein Feuerwehrboot legte sich uns in den Weg. Es war mein alter 'Freund', Chief Kenzzo. „Haut ab ihr Pressegeier! Keine Story heute, ihr News-Ärsche!“ „Darf ich sie in den Nullachthundertern zitieren, Chief?“, fragte ich. „Fick dich, Splinter! Zisch ab!“ Ace drehte ab und ich ließ das Display meiner Toyahashi ausklappen. Natürlich hatte ich meine Bilder geschossen. Jetzt kam der kreative Teil! Mit der Routine unzähliger Jahre im Buisness flogen meine Finger über die Anzeigen. Zufrieden betrachtete ich mein Werk. Der ganze Raumhafen stand in hellen Flammen! Hilflose Feuerwehrboote jagten um den Frachter herum, der von gewaltigen Explosionen erschüttert wurde. Es war ein Inferno! „Schick das auf Sendung.“, grinste ich Ace an. „Schreib was Nettes dazu. Interstellare Katastrophe, Feuerwehr machtlos. So was in der Art.“ Ace nickte. „Bye, bye, Chief Kenzzo! Kannst bald wieder Hydranten auf der Wega anpinkeln, du Sack!“ Er lachte. Wir machten uns auf den Rückweg. Im Orbit schwenkte Ace in die Andockkammer des O'Donalds Fly-In Schnellrestaurants ein und wir besorgten uns ein paar XXL-scharfe Orionburger, Wegakaffee und Coronafritten. Ace stopfte seine Burger in sich rein und ich hatte die Steuerung übernommen. Ich checkte den Ticker. „Ist heut' nicht die Pressekonferenz von Senator Lustbarkait zur Ausländerfrage?“ Ace nickte eifrig mit vollem Mund. Ich steuerte das Regierungsviertel an. Die Konferenz fand im Hotel Antares, im Spacelightsaal statt. Ich quetschte mich auf einen Taxenstand, scherte mich einen Dreck um das Gezeter der räudigen Lohnkutscher, schnappte mir meine MANCAM mitsamt Ace und wir zwei schoben uns an den griesgrämig dreinschauenden Security-Klonen vorbei in den Spacelight. Senator Oigen Lustbarkait, Liberal-Kon-servativer durch und durch, stand am Rednerpult. Das Toshiro-Mifune-Objektiv meiner Toyahashi fuhr surrend aus und ich hielt voll drauf.
„… verlangt die Einbürgerung Fingerspitzengefühl und Sen-sibilität…lehnen jede Form von Fremdenfeindlichkeit ab … Extraterristen herzlich willkommen … Greencardregelung wird von der Einbürgerungskommission vorbereitet …“ „Der redet nur den üblichen Politikerscheiß!“, beklagte sich Ace gelangweilt. Ich hatte meine Bilder im Kasten. „Wart's ab!“, sagte ich. „Wir werden den Politikerscheiß ein wenig aufpeppen.“ Zurück im Gleiter ließ ich mein Display aufschnappen. „Es ist absolut unerträglich,“ schrie Lustbarkait mit hochrotem Kopf, „welcher dreckige Alienabschaum sich auf unserer Welt breit macht! Ich sage nur: jagt sie zu-rück in die Tiefen des Alls, in die schwarzen Löcher, aus denen sie gekrochen sind, oder steckt sie allesamt in Robot-Arbeitslager! Amen!“ Ace grinste. „Cool, Eye! Schon viel besser! So macht der Senator echt was her.“ „Sende das!“, lachte ich. Langweilige PK's machen mich immer hungrig und wir dockten im Spica's Diner an und bestellten das Tagesgericht. Ace starrte der Kellnerin auf den Hintern, während ich mein Baby putzte und wir aufs Essen warteten. Mein tragbares Vidcom summte und ich öffnete den Kanal. Oh, happy day! Es war Kylien, die schärfste Braut auf dem ganzen Orion. Sie räkelte sich im kleinen Schwarzen auf ihrem sündigen Vibrobett und strahlte mich an. „Hi, Eye-Baby!“, hauchte sie. „Mein Mann ist geschäftlich ins Capellasystem abgeflogen und ich bin heute Abend GANZ ALLEIN! Nur ich und mein Massagestab. Aber die Batterien sind leer. Na, gescannt, Süßer?“ Oh, Baby, Baby! Und wie! „Nullneunhundert, bei dir, Darling! Gleich nach den Nachrichten. Lass dein Pussykätzchen schon mal vorglühen!“ Ace grinste. „Geh' offline, Ace!“, riet ich ihm drohend. Wir waren gerade mit dem Essen fertig, da meldete sich unser Ticker. „Gewaltverbrechen in Downtown-Orion-City!“, rief ich Ace zu und wir sprinteten zu unserem Gleiter. Ace startete durch und vier Stellarminuten später waren wir in Downtown. Von den Bullen wie immer noch keine Spur! Bestens! Neben einer Mülltonne lag die Leiche einer terranischen Frau in den späten Siebzigern. Sie lag offenbar schon lange hier und war allem Anschein nach verhungert. Geht heutzutage vielen auf Orion so, wenn die Sozialversicherung fehlt. „Nackrattenscheiße! Ich geh' glatt offline!“, maulte Ace. „Für die angemooste Vettel hab' ich mein Capellabier stehen lassen. File closed, Mann!“ Ich hatte die Leiche längst im Sucher. Endlich trudelten auch die Cops ein. Eine von ihnen war Kymberlai Schmitt. Das heißeste, was das OPD zu bieten hat, Boys! „Hi, Kym!“, rief ich, „Wie immer zu spät, was?“ Kym sah echt müde aus. Wahrscheinlich wieder auf Trippelschicht geplant. Ist echt beschissen, wenn du alleinerzeihende Mutter und im OPD bist. „Halt's Maul, Eye und verzieh dich. Und nimm deinen sabbernden Klon da gleich mit. Sonst verhafte ich ihn, wenn er mir noch mal auf die Titten schielt.“ Kym hatte eben keinen Humor. Sie ist nun mal Hundertprozent Cop. Hier gab's nichts mehr für uns zu tun und wir starteten wieder durch. Das Display meiner Toyahashi fuhr aus. Meine Finger flogen über die Kontrollen. Neben der Mülltonne lag jetzt eine vollbusige Blondine, Anfang zwanzig. Bluse und Rock zerrissen, Beine gespreizt. Voller Einblick auf alle feuchten Details. In ihrer linken Brust steckte ein rigelianischer Zeremoniendolch. „Schick das über den Sender, Ace!“, sagte ich. „Blutjunges Opfer einer Massenvergewaltigung rigelianischer Extraterristen. Offenbar religiöser Hintergrund.“, textete Ace bereits. „Cool, Splinter! Du bist der King!“ „Du hast's gescannt, Baby!“, sagte ich gnädig. Der Ticker brachte nichts Interessantes mehr und Ace und ich beschlossen den Tag im 'Meet the Press' bei ein paar Capella-Bierchen ausklingen zu lassen. Wir dockten im 'Press' an und schlenderten zur Orbiter-Bar auf der großen Aussichtsterrasse. Traumhafter Blick auf den Orion, Leute! Die Bar war voller Pressefuzzys. An einem Tisch in der Ecke sah ich Laoola Blink und, mit dicker Hornbrille wie immer eifrig in ihrem Traktorstrahl, ihren Tonmann Dex Butterfield. Laoola ist Afro-schwedin. Braun wie Schokolade und blond wie ne Luna-Barbie. Scharfes Tele aber leider mit nem viel zu fetten Hintern dran. Zusammen sind die beiden zwei echte News-Loser. Die glauben tatsächlich, ein Newser dürfte nur berichten, was er sieht und das auch noch 'wahrheitsgetreu'. Oh, Gott! Der pure Steinzeitjournalismus! Ich schlich mich von hinten an das Walfischbaby ran und drückte ihr nen dicken Schmatzer auf den Hals. Sie fuhr erschrocken zusammen. „Splinter, du Wegaarsch! Jetzt muss ich mich schon wieder desinfizieren lassen!“ „Sachte, Laoola-Schätzchen, dein blinder Bürstenschoner hier macht's nachher wieder heile!“ „Na, Splinter, heut' schon mal in Bildern gelogen?“, grollte mich der bebrillte Urschleim an ihrer Seite an. „Das Wort ist bei Gott, Maulwurf! Aber die Bilder sind bei mir und ein Bild sagt mehr als tausend Worte, stimmts?“ „Desintegrier dich, Splinter!“ Wir zogen weiter. Auf allen Bildschirmen liefen die Nullachthunderter. Unsere News! Wir waren gut gewesen! Richtig gut. Es war Zeit für ein Bisschen Fun und eine steile Nummer. Ich gab meinem Kumpel Ace einen Klaps, nahm mir ein Skytaxi nach Uptown und klopfte an Kyliens Türchen. Ein schwarz-haariger Traum in einem hauchzarten Nichts fiel mir um den Hals. Ihre Hand glitt in meine Hose. „Fahr dein Teleobjektiv aus, Mr. Newser und geh auf Sendung!“, flüsterte sie zwischen zwei feuchten Küssen. Wow! Und das tat ich! Die kleine Kylien war voll auf Empfang. Stay tuned, Baby! Viel später lag ich völlig ausgepumpt und relaxed auf dem arg strapazierten, zerwühlten Vibrobett und genoss entspannt das perfekte Ende eines rundum perfekten Tages. Kylien spielte mit meiner MANCAM. Ich hatte ihr früher mal erklärt wie sie funktionierte. Frauen sind echt heiß auf Technik! Wenn's die richtige ist. Sie peilte mich durch den Sucher an. „Du hast wirklich ein Saturnringscharfes Gerät, Eye-Baby.“, meinte sie. „Welches meinst du, Honey?“, grinste ich und sie kicherte. „Ich geh mir mal eben schnell das Näschen pudern, Schätzchen. Mixt du mir mal nen Drink?“, rief sie und hüpfte aus dem Bett. „Splinter's Orion Special?“, fragte ich. „Hast's gescannt, Eye-Baby!“ Sie verschwand im Bad. Ich wickelte mir das Bettlaken um die Hüften und schlurfte in Richtung Bar. Ich stolperte über einen Gegenstand auf dem Fußboden und hob ihn auf. Es war ein elektrisches Vibrofleischmesser aus Kyliens Küche und es war über und über mit blauem Blut beschmiert. Ich trat einen Schritt vor. Hinter der Bar lagen die blutigen Überreste eines blauhäutigen Andosianers. Sein feistes Gesicht zeigte sogar im Tod noch dieses dämlich-freund-liche Dauergrinsen seiner ganzen Rasse. Der Typ sah echt unappetitlich aus. Im selben Moment flogen mir die Trümmer der Eingangstür um die Ohren und bevor ich noch begriff was geschah, warf mich die geballte Power von 550.000 Volt aus einem Police-Stunner zu Boden. Ein paar schwer gepanzerte und bewaffnete Cops stürmten in den Raum. Einer von ihnen beugte sich über mich und schob sein Helmvisier hoch. „Oh, Gott! Die Presse war schon wieder mal vor uns da!“, ätzte eine bekannte Stimme. Normalerweise wäre ich entzückt gewesen, Kym Schmitt so nahe zu sein. Aus verständlichen Gründen war ich es diesmal nicht. Kylien kam aus dem Bad gerannt. Sie war völlig in Tränen aufgelöst, splitternackt, mit blutiger Nase und blauen Flecken, überall am Körper. „Oh, Officers! Ich bin so froh, dass sie hier sind!“, heulte sie. „Er sagte, er wolle ein Interview, da hab ich ihn reingelassen. Dann hat er meinen Mann abgeschlachtet! Danach hat er mich …, oh mein Gott, was er mir angetan hat!“ Auch ohne die volle Stunnerladung wäre ich in diesem Moment sprachlos gewesen. Kym schaute auf mich herab. Ich versuchte etwas zu sagen aber meine Zunge verweigerte den Dienst und ich konnte kein Glied rühren. „Es ist alles auf seiner Kamera!“, schluchzte die falsche Schlange. „Er hat vergessen sie abzuschalten.“ Kym hob die Kamera auf. „Sie müssen auf 'Play' drücken, Officer!“, riet ihr Kylien. Kym schaltete die MANCAM ein. Das gestochen scharfe 3D-Bild zeigte einen in Blutgier rasenden Splinter, der den wehrlosen Andosianer ohne Gnade zerstückelte. Kylien hatte sich in Panik in der Ecke verkrochen. Als der Andosianer sich nicht mehr rührte, wandte sich der Splinter-Killer ihr zu, zerrte sie auf's Bett und die Szenen, die dann folgten, waren absolut nicht mehr jugendfrei. Kym Schmitt schaltete die MANCAM aus. Das Grinsen auf ihrem Gesicht war breiter als die Milchstrasse und strahlender als die Leuchtreklame vom Spica's. „Sieht echt übel für dich aus, Splinter. Das reicht für Lebenslänglich oder sogar für die Desintegrationskammer.“ „Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Alles was sie sagen wird ab sofort in Bild und Ton aufgezeichnet und online an den Justizpalast gesendet.“, schnarrte ihr Partner. Kym grinste auf mich herab. „Tröste dich, Splinter. Immerhin wirst Du der Aufmacher in den Nullachthundertern sein!“ Sie brachten mich weg. Der Rest ist schnell erzählt. Die harten Fakten sprachen alle gegen mich. Das sah auch der Justizcomputer, ein 7000er Modell „GRAND JURY“, so und er verurteilte mich zu 3452 Jahren Gefängnis auf Deimos. Immerhin kann ich nach der Hälfte der verbüßten Strafe ein Gnadengesuch einreichen. Wenn die Shrinks auf Deimos allerdings feststellen sollten, dass ich nicht komplett Gaga bin, droht mir die Kammer! Sie denken, dass sieht echt übel für mich aus? Wie man's nimmt. Ich hab' gehört, die lassen einen im Knast sogar die Nachrichten sehen. Das ist doch was, oder?

2. Preis

Das Lächeln am Ende des Tages von Marcus Gebelein

Freiheit – eines der kostbarsten Güter der Einbildungskraft.

Ambrose Bierce

   Das Schlafzimmer weckte Jessinane mit einem Läuten.
   Sie lag erstarrt, nur das Summen der Energieaggregate in der Tiefe und die Geräusche ihres Atems. Die Erinnerung kehrte zurück, kein Traum, das Geschehen des gestrigen Tages, nein …
   – Billi Bonmahr würde wissen, wie es um Mikael stand.
   Mit einem Ruck setzte Jessinane sich auf. Die Dunkelheit wich einem grauen Dämmern, das Zwielicht wechselte zu dem gelben Schein, den die Konstrukteure für geeignet befunden hatten, einen Schläfer in den Tag zu geleiten. Das Mädchen sprang aus dem Bett und eilte in die Wohnküche.
   „Mama, Mama, hat Billi schon gesagt, was mit Mikael ist?“
   Jessinanes Mutter, den Klettverschluss am Overall noch halb geöffnet, trat aus der Hygienekammer. Ein Schwall feuchtwarmer Luft stieß in die Wohnküche, bevor sich die Tür schließen konnte. Die Luftumwälzung sprang an. Jessinanes Mutter strich ihrer Tochter durchs Haar. „Nein, Liebes.“ Sie drehte den Kopf zum Wandschirm. „Ich habe ihn heute Morgen noch gar nicht gesprochen.“
   „Mama, meinst du, es geht ihm gut?“
   „Natürlich. Warum sollte es anders sein?“
   Jessinane sah das Unverständnis in den Augen ihrer Mutter und begriff, dass ihre Gedanken bei Billi waren. „Mikael, Mama“, protestierte sie. „Ob es Mikael gut geht, hab ich gemeint.“
   „Das weiß ich nicht“, sagte Mutter und nippte von ihrem Kaffee. „Das musst du schon Billi fragen.“
   Jessinane war alt genug, die Konsole zu bedienen. Mit dem wärmenden Scheinen einer aufgehenden Sonne erwachte der Wandschirm zum Leben. Und da war er: Billi Bonmahr. Der Wahrheitsmann.
   Billi zog die Mundwinkel nach oben, wie er es stets tat, wenn er mit ihnen sprach. „Guten Morgen, Frau Bergmanier.“
   Mutter hatte den Wärmebecher abgestellt und zupfte eine Strähne zurecht. „Guten Morgen, Billi“, begrüßte sie ihn.
   „Hallo Jessinane.“ Billi beugte sich zu ihr herab, als wolle er sie berühren. „Wie geht's uns denn, junge Dame?“ Die Zähne in seinem Grinsen funkelten in makellosem Weiß. Die Hygienekammer, die seine Frisur geformt hatte, entstammte einer anderen Baureihe. Groß gewachsen war er, der Wahrheitsmann, und einen Anzug trug er, seidig genug, dass einem all seine Glätte ins Auge fiel.
   „Mir geht's gut“, stieß Jessinane aus und warf Mutter einen Blick zu: „Darf ich zuerst?“
   Mutter nickte und legte Jessinane die Hände auf die Schultern. „Billi“, sagte sie, „Jessinane hat eine wichtige Frage. Sie möchte wissen, ob Mikael von nebenan sich von seinem Unfall erholt hat.“
   Die beiden sahen zum Wandschirm auf.
   „Es wird ihm besser gehen“, erklärte Billi. Er zeigte ihnen Bilder von einer Transporteinheit, die sich sehr schnell durch die Gänge zu bewegen schien. „Man bringt ihn fort, damit die Doktoren sich um ihn kümmern können.“
   „Er wird aber wieder gesund, Billi, oder?“
   „Jessinane“, sagte Billi, „für die Kranken wird gesorgt. Denn die Menschen, die die Kranken pflegen, tun nichts anderes. Und deshalb sind sie besonders gut darin, die Kranken zu pflegen. So wie deine Mutter“, er wies auf die Frau in ihrem Arbeitsoverall, „besonders gut die Maschinen in der Fertigung steuern kann. Du musst dir wegen Mikael keine Sorgen machen, Jessinane.“
   Billi fuhr mit den übrigen Nachrichten fort, die er für Jessinane gebracht hatte. Dass die Erdbeeren in den Gewächshallen gediehen. Gespannt dürfe man sein, wie viel die Versorgungseinheit bringen werde. Und die Arbeit an einem neuen Clarabell-Abenteuer machte Fortschritte. Noch wenige Wochen, bis es in den Computer eingespeist würde.
   Während Jessinane in die Hygienekammer ging, erklärte Billi für Mutter, was die Erwachsenen wissen mussten. Er versicherte ihr, dass die defekte Hydraulikwippe aus den Freizeitzimmern fortgeschafft sei. Und schön, dass die Fertigungspartei die Sektorsenatswahlen gewonnen hatte.

*

   Sechs Monate später.
   Der Computer spielte mit den Kindern, und aus dem Nachbarraum, wo die Magnetfelder der Sandgrube Körner zu Burgen türmten, war das Juchzen der jüngeren zu hören.
   Jessinane und Rolfy turnten an einer Sitzbank für erwachsene Besucher herum. Das Mädchen saß rittlings auf der Lehne. Mit den Beinen am aufgerauten Plastik festgeklammert, lehnte sie den Oberkörper zurück und schloss die Augen. Sie spürte ferne Vibrationen in den Knochen und die Wärme der Deckenbeleuchtung im Gesicht.
   „Wenn ich groß bin“, verkündete Jessinane leichthin, „werde ich Wahrheitsmann.“
   Rolfy starrte sie mit offenem Mund an. „Das kannst du nicht.“
   Das Mädchen öffnete die Augen. „Doch“, grinste sie, „das mach ich.“
   „Aber deine Mama schafft mit den Maschinen. Meine Mama und mein Papa tun das und alle anderen auch. Du und ich, wir schaffen auch mit den Maschinen, wenn wir groß sind.“ Er schüttelte den Kopf. „Man kann nicht einfach Wahrheitsmann werden.“
   „Ich sag dir was: Früher hat mein Großvater in den Gewächshallen gearbeitet. Und erst viel später ist er in die Fertigung gekommen.“ In Jessinanes Augen blitzte etwas wie Triumph auf.
   Rolfy senkte den Blick. „Dein Großvater ist auch komisch“, murmelte er.
   „Wenn ich groß bin, bring ich dir die Wahrheit.“ Jessinanes Gesichtsmuskel verkrampften sich. Leise setzte sie hinzu: „Besser als Billi Bonmahr das kann.“
   „Billi bringt die Wahrheit. Nicht du“, beharrte Rolfy. „Billi ist mein Freund.“
   Mamas auch, dachte Jessinane.

*

   „Wir leben heute besser als je zuvor“, dozierte Fräulein Ashmöller. Ihr Europäisch war perfekt akzentuiert. „… Beleuchtung, Heizelemente – die gesamten Lebenserhaltungssysteme, darum musst du dich nicht kümmern. Die nichtigen Tätigkeiten des Alltags, die den Menschen einst die Aufmerksamkeit raubten, lenken niemanden mehr ab. Jeder verrichtet die Arbeit, die er am besten verrichten kann. Und lange ist es her, dass die Menschen Stunden ihres Tages damit zubrachten, zu ihrer Arbeitsstätte zu gelangen. Die Zeiten haben sich gebessert, Jessinane.“ Auf dem langen Nasenrücken der Lehrerin waren Sehgläser festgeklemmt, die ihre durchdringenden Blicke unmittelbar in Jessinanes Kopf zu leiten schienen.
   „Es geht so viel kaputt“, wandte Jessinane ein. „Bei Anthoni zu Hause hat letzte Woche die Kühlkammer nicht richtig -“
   „Eine gewisse Materialermüdung“, erhob Fräulein Ashmöller die Stimme, „ist unvermeidlich. Du musst bedenken, Jessinane, dass euer Sektor vor mehr als hundertfünfzig Jahren montiert wurde. Und ich bin überzeugt, die defekte Kühlkammer ist längst ersetzt.“
   Jessinane nickte. „Schon“, gab sie zu. Das Mädchen saß im Schneidersitz auf dem Boden und drückte mit den Fingern Löcher in den Teppich. Der Formschaum füllte die Vertiefungen innerhalb weniger Sekunden. Jessinane sah zum Wandschirm auf. „Was ist mit Mikael?“, fragte sie und dachte an ihren Vater.
   „Er lebt nun bei den Doktoren. Er lebt nun in Luxemburg“, konstatierte Fräulein Ashmöller. Sie nahm Jessinanes verwirrte Miene wahr und ergänzte: „Das ist ein anderer Stadtteil.“

*

   „Mein Großvater sagt, früher hießen die Wahrheitsmänner Berichterstatter oder Reporter.“ Wie sehr Rolfy das Gesicht verzog, kümmerte Jessinane nicht. „Und jeder hatte mehr als einen.“
   „Wie mehr als einen?“, wollte Rolfy wissen.
   „Man konnte zu mehr als einem Wahrheitsmann gehen.“
   „Das darf man heute auch“, sagte Anthoni. „In den Dateien über Menschenrechte steht festgeschrieben, dass jeder Familienvorstand das Recht auf freie Wahl des Wahrheitsmanns hat. Man kann ihn jederzeit wechseln.“
   Jessinane seufzte. „Mutter würde Billi Bonmahr nie aufgeben.“
   „Niemand will einen anderen Wahrheitsmann“, war sich Rolfy sicher.
   „Den Wahrheitsmann zu wechseln, das kommt selten vor. Heute ist ja alles viel persönlicher“, sagte Anthoni. „Früher hat man die Wahrheitsmänner nicht selbst gekannt. Da hat sich keine Beziehung aufgebaut.“
   „Och nö, das ist doof“, maulte Rolfy. „Wenn der Wahrheitsmann mich nicht gut kennt, wie will er da wissen, was er mir sagen soll? Billi bringt die beste Wahrheit.“
   „Die Wahrheit, das ist was Feinstoffliches.“ Das klang so, als hätte Anthoni es von Fräulein Ashmöller gehört. „Was Feinstoffliches“, wiederholte der ältere Junge, „so ähnlich wie Gott.“
   „Welcher?“, fragte Rolfy. „Wir glauben an Jesus.“
   „Wir auch.“
   „Mein Großvater sagt, der ist seit fast 2400 Jahren tot.“
   „Dein Großvater … dein Großvater ist doch nur ein Mann aus den Gewächshallen. Weißt du, warum sie den zu uns gelassen haben? Damit jemand da ist, nur deswegen. Weil dein Vater gestorben ist.“
   Das Stimmengewirr der nahen Sandgrube sackte weg, das benachbarte Zimmer, alle Umgebung wollte mit einem Mal in die Ferne entfliehen. Nur Anthonis Worte, hallend wie Donnerschläge: „Aber davor hatten sie deinem Großvater die Familie weggenommen. Weil er ein böser Mann war. Deswegen dürft ihr hier in der Fertigung sein und müsst nicht zu den Pflanzen. Mein Papa sagt, man kann deinem Großvater nicht trauen, immer noch nicht, und er sagt, dein Großvater wird als Gierahfe sterben.“
   Jessinane waren die Tränen in die Augen getreten. Sie rappelte sich hoch und rannte davon. Rannte fort von den Freizeitzimmern, allein, achtete nicht auf die beängstigende Länge des Ganges, der zum Wohntrakt führte. Das andere Ende konnte man kaum erkennen, so klein kam es einem vor. Das hatte ihr immer Angst gemacht. Jetzt verschleierten die Tränen die Weite und ließen den Gang zu einem verschwommenen Schemen schrumpfen. Sie wünschte es sich zurück, das Kribbeln kindlicher Furcht, das sie an diesem Ort stets verspürt hatte, ein Kribbeln, das den Schmerz vielleicht verdrängt hätte. Denn der Schmerz, den sie empfand, Anthonis Worte im Ohr waren schlimmer.

*

   „Das war in der Tat nicht sehr freundlich von Anthoni“, stellte Fräulein Ashmöller fest.
   „Woher stammt es eigentlich, dieses …“ – Jessinane traute sich nicht, es vor der Lehrerin auszusprechen – „dieses schlimme Wort?“
   „Du bist gewiss mit Bruchstücken der Legende vertraut?“
   „Ja“, antwortete Jessinane. „Aber ich weiß nicht alles. Und jeder erzählt es anders.“
   „Du willst von der Suche nach Wahrheit erfahren. Deshalb bist du also hier. Damit ich die Splitter der Geschichten, die dir zu Gehör gekommen sind, für dich zusammenfüge.“
   Jessinane schluckte. War sie so leicht zu durchschauen?
   „Das ist nichts, was Kindern erzählt werden sollte. Nun gut.“ Fräulein Ashmöller rückte die Position ihrer Sehgläser zurecht. „Dein Alter mag ausreichend sein.“
   Das Mädchen schwitzte. Die Temperatur in der Wohnung musste fehlerhaft geregelt sein.
   „Einst war ein Mensch“, hob Fräulein Ashmöller an, „der nannte einen Schimmer Wahrheit sein Eigen, und obzwar die Wahrheit, die er besaß, groß genug ihm gewesen wäre, zog er aus, jene größere Wahrheit zu schaun, davon er gesehen hatte nimmermehr. Umher dieser Menschensohn irrte, und vergessen das Glück seines Lebens geriet, und die Jahre, davon er alt ward, schlugen zusammen über seinem Haupt wie eine schäumend See verschlingt den Narren, der ein friedlich Eiland gegen stürmischen Wind verschachert.
   Die fremdartig gedrechselten Sätze bereiteten Jessinane Mühe, und sie verstand nicht alles, nicht von diesen Worten und nicht von jenen, die folgten.
   Das Bild, das der Wandschirm auf Befehl der Lehrerin hervorbrachte, würde sie nie vergessen. Grässliche Mutationen zeigte es. Vom vielen Suchen war einem Menschen der Hals lang geworden und der Rücken krumm. Seine Kiefer hatten sich verschoben, die Augen waren geschwärzt und seine Haut fleckig entstellt. Als das Bild schließlich verschwand, brannte der Anblick auf Jessinanes Netzhaut nach.
   Fräulein Ashmöller beanspruchte den Schirm wieder für sich. „Eine Gierahfe.“ Die Lehrerin sprach es ungeniert aus. „Ein glückliches Leben hätte dieser Mensch führen können, hätte er nur seine Gier nach Wissen im Zaum gehalten. Zu Hause hätte er bleiben sollen und die erlesene Kollektion Wahrheiten genießen, die ihm ohne eigenen Verdienst zugetragen wurde.“

*

   „Bist du es, der unsere Wahrheit macht, Billi?“, fragte Jessinane.
   „Ich?“ Billi zog die Mundwinkel nach oben. „Die Wahrheit wird von vielen gemacht. Weißt du, wie viele Menschen allein in Europa wohnen, Jessinane? Jeder trägt dazu bei. Mikael wird gesund, ohne dass ich einen Finger rühre, und sein Gesundwerden ist Teil der Wahrheit. Aber diese Wahrheit ist zu groß für dich. Ich helfe dir. Ich wähle aus, welche Wahrheiten du hören willst.“ Billis Haar glänzte vor Gel, als er sich nach vorne beugte. „Übrigens“, lockte er, „ich habe dir etwas mitgebracht.“ Auf seiner Handfläche entfalteten sich Versprechungen neuer Clarabell-Abenteuer.

*

   „Er sagt, er wählt bloß aus, welche Wahrheiten wir zu hören bekommen“, berichtete Jessinane.
   „Noch nicht einmal das. Das Auswählen, das übernehmen andere. Er trägt nur vor.“ Die Stimme des alten Mannes mühte sich, die Last der Jahre abzuwerfen. Jessinane musterte die Furchen im Gesicht ihres Großvaters.
   Unsere Lebenserwartung beträgt heute mehr als fünf Jahrzehnte, hatte Fräulein Ashmöller sie gelehrt. Das Alter ihres Großvaters lag weit darüber.
   Der Knochenschwund krümmte Europa den Rücken. Von Versorgungseinheiten herbeigeschaffte Mineralstoffmischungen vermochten den Ausbruch der Krankheit zu verzögern, nicht aber aufzuhalten. Man spürte die Stadt in den Knochen, ein Summen und Zittern, die Vibrationen, von denen die Bewohner mürbe wurden. Wenn die Transporteinheiten kamen, um die Toten mit sich in die Gänge zu nehmen, splitterten Gerippe wie rissiges Porzellan. Ihren Großvater hatte die Krankheit verschont, durchaus nicht ungewöhnlich für einem Mann aus den Gewächshallen. Doch nur wenige der Frauen und Männer, die im violetten Schein der Keimlingsaufzucht heranwuchsen, erreichten ein hohes Alter, ehe der Krebsfraß Macht über sie gewann.
   „Dir Nachrichten auf silbernem Tablett zu servieren, das ist ihr Geschäft, und auszuwählen, was dir schmecken mag, Aufgabe ihrer Wasserträger. Die Wahrheitsmänner haben das Auftischen zu einer Kunstfertigkeit entwickelt, neben der das Aufgetischte selbst an Bedeutung verliert.“
   Jessinane runzelte die Stirn.
   „Das Körnchen Wahrheit inmitten der Wagenladung Information ausfindig zu machen, das gelänge dem Wahrheitsmann ebenso wenig wie dir. Ihr habt es nie gelernt.“
   „Wer bringt mir das bei?“, fragte Jessinane.
   Ihr Großvater schwieg.
   Die Luftumwälzung war tot, und das Zimmer roch nach Alter.
   „Es gab eine Generation, die die Geschenke angenommen hat“, sprach der alte Mann zuletzt. „Man hat sie mit geschenkter Wahrheit überhäuft, bis ihre Fähigkeit, die Dinge zu bewerten, erstickt war, und man hat ihr Freiheit eingebildet, bis niemand mehr aufbrach, seine Freiheit zu suchen.“
   „Opa …“ Jessinane zögerte. „In der Legende von der Suche nach Wahrheit … warum sucht da einer die größere Wahrheit? Ich meine, warum riskiert einer, das ihm der Hals lang wird und die Haut scheckig und all das?“ Die Augen des Mädchens waren geweitet. „Fräulein Ashmöller sagt, das wäre einfach nur dumm. Oder undankbar.“
   „Wegen des Lächelns, Jessinane, wegen des Lächelns.“
   Das Mädchen sah seinen Großvater fragend an.
   „Stell dir vor, du arbeitest doppelt so hart wie deine Mutter. Der Tag ist dir eine Qual, aber am Abend kehrst du heim und spürst ein Glücksgefühl, dreimal so groß wie das deiner Mutter, wenn sie Billi am Wandschirm trifft. Und dann lächelst du. Am Ende des Tages lächelst du.
   Verstehst du, was ich dir erklären will?“
   „Ich weiß nicht“, sagte Jessinane.

*

   Monate später.
   Quietschend schlug die Klappe zum Wartungsschacht beiseite. Die Halterungen waren brüchig geworden. Auf Ellenbogen und Knien schob sich Jessinane durch die Röhre. Als sie den Kopf in den Hauptgang hinausreckte, fuhr ihr kühle Luft ins Haar.
   Im bläulichen Glimmen rumpelte eine pummlige Versorgungseinheit von Wohnung zu Wohnung und bestückte die Vorratsräume und Kühlkammern von der Außenseite mit Waren. Unter der Decke verliefen Schienen, und in der Ferne, wo der Gang sich verzweigte, war ein Sirren zu hören. Etwas Spinnenbeiniges stakste den Hauptgang hinab.
   Jessinane tastete nach ihrem Hals, um zu fühlen, ob er länger wurde. Sie hatte Angst. Aber sie freute sich auf das Lächeln.

3. Preis (I)

Abenteuerurlaub von Eva Ehrenfeld

Ich stehe in meiner Küche und schneide Salat. Kommt da eine Spinne aus den Salatblättern. So eine ganz helle, kleiner runder hellbrauner Körper mit einem leichten Grünton zum Bauch hin, lange dünne Beine, nett eigentlich, gar nichts Schwarzes, alles nett und hell.
Steht da, etwas schwankend auf ihren langen Beinen, sieht sich wohl um.
Frisch erwacht aus der Kühlschrankkälte, orientiert sich erst noch, womöglich hat sie eine dieser Reisen gebucht mit Abenteuer inklusive, so ein Selbstmord-auf-Raten-Angebot mit ungewissem Ausgang.
Man weiß ja, wie Spinnen sind.
Und hat viel bezahlt dafür. Steht da jetzt, wie im Prospekt versprochen, ganz auf sich allein gestellt.
Das ist es nun also, denkt sie wahrscheinlich.
Aber das ist es nun also eben nicht, wenn Spinnen aus meinem Salat krabbeln. Auf was für ein Abenteuer ist sie aus? Vielleicht kann ich ihr ja helfen, ich habe erst kürzlich Pulp Fiction gesehen und dieses Schweigen der Lämmer.
Viel Substanz hatte das Messer nicht zusammenzudrücken. Es gab den kleinen typischen Chitinpanzerknacks, das war's.
Wasser übers Messer, alles klar.
Ich stehe in meiner Küche und schneide Salat. Wenn wieder einmal eine Spinne aus meinem Salat kommt und da steht auf ihren schlanken Beinen und sich umsieht mit ihren acht Punktaugen, werde ich versuchen Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ich habe nämlich auch Men in Black gesehen.

3. Preis (II)

Die Feder und das Schwert von Achim Hiltrop

Taggart Mont gähnte ausgiebig, während er aus dem Cockpitfenster seines kleinen Raumschiffs spähte. Der Himmel über dem Raumhafen von Kastella, den Taggart anflog, hatte bereits begonnen, sich von einem tiefen Violett in ein Azurblau umzukehren. Schlechtes Timing, dachte er zerknirscht; keine Chance, mal lange zu schlafen. Als er von Teräis losgeflogen war, war es dort schon sehr spät gewesen und Taggart hatte bereits einen langen Tag hinter sich gehabt. Unterwegs hatte er sich auch nur für einige Minuten hinlegen können, dann hatte er weiter an seiner letzten Reportage arbeiten müssen. Und heute stand nun Kastella auf dem Programm, und hier war es bereits wieder früher Morgen. Taggart seufzte. Er bezweifelte, daß er in der nächsten Zeit besonders viel Schlaf bekommen würde.
Das Raumschiff, auf dessen Bug das Wappen der Stellar News Agency prangte, setzte sanft auf der plasphaltierten Landebahn des Raumhafens auf. Taggart ließ die Luftschleuse aufschnappen und atmete die würzige Morgenluft tief ein. Eine Robot-Gangway rollte auf ihn zu und kam surrend vor dem Schiff des Reporters zum Stehen.

*

In seinem Amt als Dienststellenleiter der Einwanderungsbehörde von Kastella kam es Brindis Byrne oft gelegen, daß er eine Engelsgeduld besaß; selbst wenn alles um ihn herum im Chaos versank, war er immer der ruhige Pol, auf den sich seine Mitarbeiter verlassen konnten.
Es gab aber auch Tage, die Byrne zur Weißglut bringen konnten. Heute schien einer von diesen Tagen zu sein, und dabei war es erst sieben Uhr dreißig. Mist, dachte Byrne.
Der Grund für Byrnes außergewöhnliche Erregtheit hieß Taggart Mont und saß ruhig im Besuchersessel seines Büros. Die arrogante Art, in der Mont ihm seine Unterlagen auf den Schreibtisch geworfen hatte, hatte in Byrne keinen Zweifel daran aufkommen lassen, daß er es nicht mit einem der üblichen kleinlauten Weltraumtramps zu tun hatte, die schüchtern um ein Visum für Kastella baten. Ein Blick auf das Formular hatte seine Befürchtungen bestätigt. Die Stellar News Agency also … na toll!
„Sie brauchen gar nicht das Gesicht zu verziehen“, sagte Taggart betont lässig, „es ist alles in Ordnung.“
„Wir haben bereits Reporter der Stellar News Agency auf Kastella“, erwiderte Byrne, „alles qualifizierte Leute. Ich wüßte nicht, warum ich Ihnen ein Visum befürworten sollte, Mister Mont.“
Taggart lächelte müde. „Oh doch, das wissen Sie. Erstens, weil Ihre Lokalredaktion mit den derzeitigen Ausschreitungen überfordert ist. Zweitens, weil kastellanische Reporter in einem möglichen kastellanischen Bürgerkrieg von unseren Zuschauern für parteiisch gehalten werden könnten. Und drittens, weil mein Boß und Ihr Boß ein Abkommen miteinander haben.“
Byrne folgte den Blicken des Reporters, der das lebensgroße Portrait des kastellanischen Präsidenten, welches hinter Byrne an der Wand hing und eine Sicherheitskamera verbarg, vielsagend beäugte.
„Da haben Sie sogar recht“, brummte Byrne mürrisch. Die Stellar News Agency hatte schon vor Jahren allen Regierungen, mit denen sie zusammen arbeitete, Zugang zu all ihren Ressourcen zugesichert, darunter auch die Nutzung der Relaissatelliten, welche die Kommunikation zwischen den bewohnten Planeten der Galaxis aufrecht erhielten. Im Gegenzug hatten sich die jeweiligen Regierungen in bilateralen Abkommen verpflichtet, den Reportern der S.N.A. jegliche Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen, die diese für die Ausübung ihrer Tätigkeit benötigten. Die Bewilligung eines Visums war in diesem Kontext nur eine winzige Formalität.
„Trotzdem …“ Byrnes Hand zögerte, eher er seinen Stempel auf die dafür vorgesehene Stelle im Formular drückte, „ich bin nicht gerne derjenige, der Sie zu uns herein läßt. Ich meine, wenn es demnächst hier wirklich hoch her gehen sollte …“
Der Reporter winkte ab. „Machen Sie sich keine Gedanken“, sagte er mit einem jovialen Grinsen, „ich werde Sie schon nicht in Verlegenheit bringen!“

*

Kastella litt an einer Rezession, die in der jüngeren galaktischen Geschichte ihresgleichen suchte. Infolge hoher Staatsverschuldung war die Regierung schließlich zahlungsunfähig geworden, und große Teile der Infrastruktur waren zusammengebrochen. Privatvermögen auf Bankkonten waren eingefroren und im Rahmen eines eilig erlassenen Notfallgesetzes „vorübergehend verstaatlicht“ worden, wie es im Titel des entsprechenden Erlasses hieß. Die wenigsten Kastellaner waren jedoch davon begeistert, in einer Zeit persönlicher Not ihrer Regierung auch noch zwangsweise Kredit zu geben. Ausgerechnet in dieser Situation hatte die Stellar News Agency mit ihrer Berichterstattung über die Dimensionen der Vermögen der amtierenden Minister – welche von dem Gesetz nicht betroffen waren – zusätzlich für Zündstoff gesorgt. Vor einigen Tagen hatte es die ersten Straßenschlachten zwischen aufgebrachten Demonstranten und der Polizei gegeben.
Taggart lächelte schief, während er von einem Straßencafé aus die Fußgängerzone der Hauptstadt beobachtete und dabei an seinem Kaffee nippte. Es dauert nicht mehr lange, dachte er, und die Polizisten werden sich auf die Seite der Demonstranten schlagen. Wenn auch in dieser Woche keine Gehälter gezahlt würden, könnte dies das Faß zum Überlaufen bringen.
Die Fußgängerzone selbst bot ein Bild des Jammers. Wo vor wenigen Monaten noch edle Boutiquen, teure Juweliere und noble Restaurants um Kunden geworben hatten, sah Taggart heute fast nur noch zugemauerte Eingangstüren und mit Brettern vernagelte Schaufenster. Die Hauswände waren mit politischen Parolen beschmiert, mit Einschußlöchern übersät und allgemein in einem abbruchreifen Zustand. Über allem lag eine feine Rußschicht, die von den Krawallen der vergangenen Tage zeugte.
„War wohl wieder 'ne harte Nacht, was?“ fragte Taggart und deutete mit dem Daumen auf das noch immer schwelende, ausgebrannte Wrack einer Hoverlimousine der Polizei, welche in ein Schaufenster auf der anderen Straßenseite geprallt war.
Der Kellner, der ihm die Rechnung gebracht hatte, schnaubte mißmutig. „Trink aus, Mann. Ich schließe.“
„Um die Zeit?“ Taggart warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist doch gerade erst …“
„Ich schließe für immer. Ich will nur noch weg“, unterbrach ihn der Mann mit einem Zittern in der Stimme.
Taggart leerte seine Tasse und tippte seinen Kreditchip gegen das Lesegerät. „Dann mal alles Gute.“

*

Taggart befestigte die zigarettenschachtelgroße Kamera an der dafür vorgesehenen Metallschiene auf seiner rechten Schulter, bevor er das dazugehörige Steuerungsmonokel unter seine Augenbraue klemmte. Ein kurzer Funktionstest verlief einwandfrei; die Kamera folgte jeder Bewegung seines Kopfes und filmte exakt, was er sah.
Ein Kameraschwenk über das verwaiste Schlachtfeld, das einmal eine beliebte Flaniermeile gewesen war. Eine Nahaufnahme des rußgeschwärzten Polizeicruisers. So! Jetzt noch der Besitzer des Cafés, wie er das eiserne Rollgitter vor seinem Laden zum letzten Mal zuzog und verschloß. Fertig.
Taggart schaltete die Kamera wieder ab. Nicht genug Material für eine Reportage, und nicht spektakulär genug für die kostbaren dreißig Sekunden Sendezeit, die für Kastella in den Abendnachrichten der Stellar News Agency reserviert worden waren. Taggart seufzte. Als ob es so einfach wäre, das wichtigste vom Tage in dreißig Sekunden zu erzählen … Aber es gab halt viele bewohnte Welten im Sendebereich der S.N.A., und um alle gleichermaßen in den Nachrichten zu berücksichtigen, waren die jeweiligen Blöcke auf eine halbe Minute pro Planet zusammengestrichen worden.
Er brauchte spektakulärere Aufnahmen, wenn er seinen Einsatz hier bei der Spesenabrechnung rechtfertigen wollte. Und er hatte keine große Lust, lange darauf zu warten …

*

„Sie sind von Katacharas Truppe? Ein Kriegsberichterstatter?“ Das Gesicht des kastellanischen Lokalredakteurs der S.N.A. spiegelte eine Mischung von Abscheu und Ehrfurcht wieder, als er Taggarts Presseausweis begutachtete. „Dann mal herzlich willkommen.“
„Danke, Mister Chambers“, sagte Taggart und nahm seinen Ausweis wieder an sich, „Sie sind übrigens der Erste, der das sagt.“
Chambers grinste schief. „Möchte ich wetten. Also, was kann unser Büro für Sie tun?“
Taggart beugte sich vor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Sie haben sicher von der angekündigten Großdemonstration am heutigen Nachmittag gehört“, sagte er.
Chambers nickte wissend.
„Wenn Ihr Team wieder nur die üblichen Bilder von Streikenden mit Spruchbändern und selbstgemalten Plakaten zeigen kann, wird die Öffentlichkeit sehr bald das Interesse an Kastella verlieren“, sagte Taggart, „unsere Zuschauer kennen die hier gebräuchlichen Parolen und Sprechchöre bereits auswendig. Was das bedeutet, brauche ich Ihnen nicht sagen.“
Chambers nickte langsam. Wenn das Interesse der Nachbarwelten an der Situation auf Kastella abebbte, würde auch der Druck auf die Regierung nachlassen. Es würde sich nichts ändern, und die Wirtschaft würde ihre gegenwärtige Talfahrt noch beschleunigen. Das Schicksal Kastellas würde erst wieder Aufmerksamkeit erregen, wenn die ersten Hungersnöte ausbrachen …
„Was schlagen Sie also vor?“ fragte Chambers nachdenklich.
„Wir müssen die Situation vielleicht ein wenig … vorwärts treiben. Die Dinge in Bewegung halten, Sie wissen schon“, Taggart ballte die Fäuste, „Dampf machen.“
Chambers kratzte sich am Kopf. „Wir haben im Moment nicht viel Material, das die Gemüter erhitzen könnte. Die Regierung scheint sich wirklich zu bemühen, der Situation Herr zu werden …“
„Quatsch“, unterbrach ihn Taggart brüsk, „Sie sollten mal in der Zentrale eine Schulung zum Thema 'Investigativer Journalismus' besuchen, Chambers. Würde Ihnen gut tun. Ich sage Ihnen, wenn wir nur gründlich genug suchen, finden wir schon was Interessantes. Wollen wir wetten?“

*

„Wette gewonnen“, murmelte Taggart halblaut, als er am späten Nachmittag die Demonstranten vom Balkon seiner Hotelsuite filmte. Zum ersten Mal marschierten rebellierende Soldaten und meuternde Polizisten Seite an Seite mit den verzweifelten Bürgern, die man ihrer Ersparnisse beraubt hatte. Grund für diesen Stimmungswechsel bei den Ordnungshütern waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Mittagsnachrichten gewesen, in denen die Stellar News Agency aufgedeckt hatte, daß die Regierung von Kastella nicht im Traum daran dachte, die einbehaltenen Gelder zur Zahlung der ausstehenden Löhne ihrer Beamten zu verwenden. Daß eine neue Luxus-Raumyacht im geostationären Orbit über dem Regierungsviertel vor Anker gegangen war, hatte Spekulationen über mögliche Veruntreuungen neue Nahrung gegeben.
Taggart zoomte näher an die Demonstranten heran, die zu Zehntausenden auf den freien Platz vor dem schneeweißen Präsidentenpalast drängten. Der Palast lag seinem Hotel direkt gegenüber, und so hatte er freie Sicht auf die Szenen, die sich dort abspielten. Die wenigen regierungstreuen Truppen, die sich dort verschanzt hatten, gaben zunächst nur Warnschüsse ab; als sie schließlich das Feuer auf die Demonstranten eröffneten, wurden sie von der aufgebrachten Menge buchstäblich gelyncht.
Eine halbe Stunde später ähnelte der Palast den ausgebrannten und geplünderten Geschäften, an denen Taggart am heutigen Morgen kopfschüttelnd vorübergegangen war. Er richtete die Kamera auf ein neues Graffiti am Tor des Palastes; jemand hatte dort hastig „Wahrheit = S.N.A.“ hingekritzelt.
Taggart schmunzelte.

*

In der fernen Zentrale der Stellar News Agency betrachtete Percy Thorne, der Generaldirektor der Medienagentur, zufrieden die Liveübertragung der Bilder aus Taggarts Kamera.
„Ihr Mann hat ganze Arbeit geleistet, Katachara. Kompliment“, meinte Thorne anerkennend. „Und zwar in Rekordzeit.“
„Kinderspiel“, sagte das gelbhäutige, insektoide Wesen, welches ihm gegenübersaß, mit einer wegwerfenden Handbewegung. Katachara war dafür verantwortlich, daß die Stellar News Agency in dem Ruf stand, einige der Krisen, über die sie regelmäßig berichtete, durch ihre Art der Berichterstattung überhaupt erst ausgelöst zu haben, um die begehrten Werbepausen zwischen den Nachrichtenblöcken an den Meistbietenden versteigern zu können. „Mit weniger hätte ich mich nicht zufrieden gegeben. Mont weiß das.“
„Trotzdem“, Thorne zuckte gleichgültig mit den Schultern, „es war gut, daß jemand aus Ihrem Team mal dort mit angepackt hat. Chambers ist ein netter Kerl, aber mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen ist er überfordert.“
Katachara grinste breit und entblößte nadelspitze Zähne. „Darüber zu berichten oder welche zu provozieren?“
Thorne erwiderte das Grinsen. „Beides. Nun sehen Sie zu, daß Sie aus dem Material einen sechzig-Sekunden-Clip schneiden. Für die Abendnachrichten muß alles fertig sein.“
Katacharas Stachelkamm richtete sich knisternd auf. „Sechzig Sekunden, Sir?“
Thorne verschränkte die Arme vor der Brust. „Ein Signal an die Regierung von Kastella“, sagte er in einem verschwörerischen Tonfall, „und eine Warnung an alle anderen Regierungen, die nicht pünktlich die Nutzungsgebühren für unsere Kommunikationssatelliten bezahlen.“
„Ich verstehe, Sir“, beeilte sich Katachara zu sagen. „Das alte Gleichnis von der Feder und dem Schwert.“
„So ist es, mein Freund“, brummte Thorne und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem flackernden Bildschirm zu, „so ist es.“