Rückblick 2011

Dortmund übersteht den Weltuntergang

Ein Rückblick von Arno Behrend

Die Mayas sollten also recht behalten und das früher als erwartet! Während der Eröffnungsshow haben wir unseren Besuchern das baldige Schicksal der Welt offenbart. Besonders gekümmert hat es uns selber aber nicht. Die drohende Zerstörung der Welt durch einen Geisterfahrerplaneten namens „Nibiru“ mag durchaus unangenehm sein. Sie ist aber noch lange kein Grund, den DORT.con ausfallen zu lassen! Unverdrossen haben wir uns also daran gemacht, mit Besuchern und Ehrengästen ein möglichst phantastisches Wochenende auf die Beine zu stellen.

Der stille Kanadier

Dirk van den Boom, Robert Charles Wilson und Arno Behrend bei der Eröffnung.Dirk van den Boom, Robert Charles Wilson und Arno Behrend bei der Eröffnung.
Foto: dortcon.de/Michael Ehrt
„The Quiet Canadian” ist der Titel einer Biografie des Meisterspions William Stephenson. Sein Landsmann Robert Charles Wilson macht immerhin einen so zurückhaltenden und harmlosen Eindruck, dass er sich sicher gut als Spion eignen würde. Auch unsere Ankündigung in der Eröffnungsshow, dass die finale Prophezeihung der Maya nun eintreten wird, hat er sehr gelassen hingenommen. Tatsächlich sind Ruhe und eine gewisse Zurückhaltung dort hervorstechende Qualitäten, wo Robert Charles Wilson einiges zu sagen hat – in seinen Büchern. Sein Erzählfluss plätschert angenehm dahin, ohne langweilig zu werden. Wilson verwendet viel Zeit darauf, seine Charaktere zu dreidimensionalen, vielschichtigen Persönlichkeiten aufzubauen. Action und Dramatik gibt es – als seltenen Kontrapunkt. Diese ganze Art passt zu dem Mann, den wir kennen gelernt haben.
Erstmals war auf dem DORT.con ein kanadischer Science Fiction-Autor zu Gast. Wir wollten wissen, inwiefern sich seine Sicht von der amerikanischer und britischer Autoren unterscheidet. Tatsächlich tun sich, wenn man unserem Gast glauben darf, insbesondere zum mächtigen Nachbarn im Süden große Unterschiede auf. Die USA konnten ungebremst nach Westen expandieren. Wirtschaftliches Wachstum und technischer Fortschritt brachten ihnen weltweit mehr Einfluss. In Kanada dagegen musste die Urbarmachung der kalten und kargen Weiten im Nordwesten aufgegeben werden. Den Launen der benachbarten Supermacht ist das Land mehr oder weniger ausgeliefert. Für Robert Charles Wilson spiegeln sich diese Verhältnisse in seiner Literatur wider. Die Figuren in seinen Romanen müssen sich mit den für sie unverständlichen Handlungen überlegener Zivilisationen auseinandersetzen, wie etwa in Spin. Ihre eigenen Pläne funktionieren oft nicht, wie vorgesehen. Das entspricht in etwa der kanadischen Situation. Wilson will seine Betrachtungsweise aber nicht als allgemeingültig verstanden wissen, weil es noch viele andere kanadische SF-Autoren gibt, die auch andere Sichtweisen haben. Da er in den USA aufgewachsen ist, kennt er beide Länder gut. Seinen Roman Julian Comstock, in dem die USA des 22. Jahrhunderts eine neu-viktorianische, feudalistische und fundamentalistische Klassengesellschaft geworden sind, will er nicht als Portrait des Landes verstanden wissen. Es gibt aber schon Tendenzen in Amerika, die ihm in diesem Sinne Sorgen machen.
Was tut man als kanadischer SF-Autor, wenn die Welt untergeht? Wilsons Antwort in unserer Abendshow lautet: Wagner hören! Man hat dann den Eindruck, dass es länger dauert, bis das Ereignis eintritt. Und wenn es so weit ist, ist man froh drüber! Solche treffenden und witzigen Statements überfallen einen manchmal unerwartet, wenn man sich mit dem freundlichen Schriftsteller Robert Charles Wilson unterhält. Für uns war er der ideale Botschafter eines Landes, über dessen Bevölkerung wir schon viele gute Dinge gehört haben. In den drei Tagen, in denen er bei uns zu Gast war, wurden sie allesamt bestätigt.

Der begeisterte Österreicher

Leo Lukas und Arno Behrend bei der Eröffnung.Leo Lukas und Arno Behrend bei der Eröffnung.
Foto: dortcon.de/Michael Ehrt
Um unserem Con einen weiteren exotischen Anstrich geben zu können, haben wir diesmal also einen Autor aus dem fernen und fremdartigen Österreich eingeladen. Dass Leo Lukas im Hauptberuf ein vielfach preisgekrönter Kabarettist ist, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Er ist ein Beispiel dafür, wie man aus jugendlicher Begeisterung für ein Produkt, über welches das Bildungsbürgertum die Nase rümpft, in späteren Jahren etwas absolut Positives ableiten kann – unabhängig davon, was das Umfeld denkt. Mit seinen Atlan- und Perry-Rhodan-Romanen verdient er schließlich Geld. Die Serien dagegen profitieren von seiner Kreativität.
Wir sind gewohnt, dass wir uns begeistert über unser südliches Nachbarland äußern, wenn es etwa um den Urlaub in den Alpen geht. Leo Lukas seinerseits begeistert sich auch jenseits von PR für Dinge in Deutschland. Dieser Enthusiasmus erhielt aber schon bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel einen Dämpfer. Nein, unser Con-Chairman Arno Behrend konnte keine Auskunft darüber geben, ob Borussia Dortmund an diesem Wochenende zu Hause spielt …
Eine wichtige Station auf dem Weg zum Serienautor war für Leo Lukas der Roman Wiener Blei, der im Shadowrun-Universum angesiedelt ist. In diesem Buch zeigt sich bereits seine Vorliebe für Charaktere, deren paranormale Talente sie zu absonderlichen Randfiguren der Gesellschaft machen. Der Weg zum Manuskript war naheliegend: Der Autor kann so manche Spielrunde schildern, in der Teilnehmer in Kostümen ihrer jeweiligen Spielfiguren für Aufsehen und Vergnügen gesorgt haben. Klar, dass der schriftstellerisch bereits tätige Leo Lukas bei mehreren Runden als Spielleiter agiert hat. Vom Szenario ist es dann nicht mehr weit bis zum Romantext. Wiener Blei hat dann für einen Anruf aus Rastatt gesorgt. Der Rest ist Geschichte.
Leo Lukas glaubt nicht, dass sich sein Beitrag zu Perry Rhodan auf den Humor beschränkt. Er sieht sich selbst auch nicht als technikfern an. Er stimmt sich eng mit Rainer Castor ab, wenn es um die technischen Entwicklungen geht. Auch hat er mehrfach angeregt, dass sich die Mitglieder der Redaktion über die modernen Medien intensiver miteinander abstimmen sollen, was mittlerweile Standard ist. Die Alleinherrschaft eines Exposée-Autors über den Verlauf der Story gibt es seitdem nicht mehr.
Für die Science Fiction jenseits der Perry-Rhodan-Serie etwas zu tun, ist für unseren Gast nicht nur denkbar sondern auch schon geplant. Es soll eine Space Opera in Zusammenarbeit mit einem anderen Autor entstehen. Näheres ist aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht spruchreif.
In Bezug auf den drohenden Weltuntergang hat Leo Lukas in unserer Abendshow bedauert, dass es im Anschluss an das Ereignis keine „schöne Leich“ geben werde. So nennt man in seiner Heimatstadt den festlichen Leichenschmaus. Ansonsten zeigte er sich durchaus ein wenig begeistert über den Ablauf der Convention, was uns natürlich sehr gefreut hat. Da die Welt ja nicht untergegangen ist, freuen wir uns schon, unseren beliebten Gast auf anderen Cons erneut zu treffen.

Der großzügige Aachener

André Diehl, Alexander Preuss, Arno Behrend und Gerrit Deike präsentieren das neue Con-Logo.André Diehl, Alexander Preuss, Arno Behrend und Gerrit Deike präsentieren das neue Con-Logo.
Foto: dortcon.de/Michael Ehrt
Unser Grafik-Ehrengast Alexander Preuss strebt in die Senkrechte. Im Interview mit Gabi Behrend offenbarte er eine Faszination für hohe Bauten, die sich auf seine Kunst auswirkt. Bei seinen Motiven kann es sich um Berge, Schluchten, Krieger oder nur um das einfallende Sonnenlicht handeln. Seine tagtägliche Arbeit beim Spiele-Entwickler Egosoft schilderte Alexander unspektakulär. Der Mann ist eben durch und durch bescheiden. Von seinem Können konnte man sich ja auch durch seine Ausstellung bei uns überzeugen.
Im Vorfeld unserer Veranstaltung hatte Alexander uns ein neues Logo geschenkt, das mittlerweile auch unsere Website ziert. So ein großherziges Geschenk haben wir von einem Ehrengast noch nie bekommen. Wie wir hören, möchte sich der Grafiker noch weiter für unsere Convention engagieren – bemerkenswert!
Sein Plan für den Fall des Weltuntergangs, den er uns in der Abendshow dargelegt hat, liegt eigentlich auf der Hand: Ein finales Artwork soll den Untergang überstehen und als Flaschenpost die mögliche Bevölkerung eines neuen Universums erreichen. Was wäre das wohl für ein Bild geworden?
Einstweilen müssen wir uns beispielsweise mit dem Key Artwork The Return to Abalakin „begnügen“. Die Innenansicht einer gewaltigen Raumstation wurde zum Ausgangspunkt einer Diskussion der Ehrengäste am Sonntagmorgen rund um das Thema „große Weltraumhabitate“. Ob einmal wirklich Millionen von Menschen in einer solchen Station leben werden, beurteilt sogar Alexander skeptisch, obwohl ihn das Sujet fasziniert hat.
Wir freuen uns, dass wir mit der Einladung unseres Grafik-Ehrengastes mehr Aufmerksamkeit auf die enorm produktive künstlerische Seite bei der Entwicklung von Computerspielen lenken konnten. Und ihn hat es wohl auch gefreut. So wie es aussieht, haben wir Alexander Preuss wohl nicht zum letzten Mal auf einem DORT.con gesehen.

Die lakonischen Poeten

Andre Wiesler und David Grashoff moderieren den Poetry Slam.Andre Wiesler und David Grashoff moderieren den Poetry Slam.
Foto: dortcon.de/Michael Ehrt
Wir haben es wahr gemacht und den DORT.con-Poetry-Slam erneut stattfinden lassen – diesmal unter professioneller Moderation. Mit David Grashof und André Wiesler konnten wir die Wuppertaler Wortpiraten nach Dortmund holen. Das Slam-Publikum in Stimmung zu bringen, ist Sache des so genannten „Opferlamms“. David übernahm diese Funktion und sorgte mit Darth Vaders geheimem Tagebuch für erste heftige Lachsalven.
Bemerkenswert an diesem Slam war ein relatives Gleichgewicht zwischen teilnehmenden Science Fiction-Fans und Slam-Veteranen. Wo die einen noch an der ausgefeilten Präsentation und der Treffsicherheit der Texte arbeiten werden, haben die anderen manchmal Schwierigkeiten, das Expertenpublikum richtig einzuschätzen. Auf der Fan-Seite erzielten beispielsweise Bernhard Kempen und Mit-Veranstalterin Gabi Behrend Achtungserfolge. Bernhard demonstrierte die Nöte von SF-Fans, die kein „K“ sprechen können. Gabi beschäftigte sich mit gentechnisch erzeugter Symbiose und telepathischer Manipulation. Am ehesten auf Slams und Cons zu Hause dürfte wohl Thorsten Küper sein. Er beherrscht vor allem meisterhaft das, was einen beim neuzeitlichen Dichterwettstreit normalerweise immer weiter bringt – die Kunst des trockenen Humors. Seine unterhaltsamen Beiträge waren im Finale die perfekte Herausforderung für Slam-Profi Michael Heide. Michael war schon vor zwei Jahren bei uns am Start gewesen und hatte schon damals sein echtes Interesse am Genre erkennen lassen. Diesmal unternahm er unter anderem einen Ausflug in den Horror-Bereich, indem er seinen Erzähler mit einem düsteren Alter Ego konfrontierte. Einfallsreichtum und Können führten ihn diesmal zum verdienten Sieg und damit zur Trophäe, dem erneut ausgelobten „Roten Horst“.

Die gnadenlose Gleichzeitigkeit

Es gibt eine Kritik am DORT.con, der wir uns im optimalen Fall immer stellen müssen: Mehr als je zuvor haben sich Kommentatoren darüber beschwert, dass Ihnen die Entscheidung, in welchen Programmpunkt sie gehen sollten, schwer gemacht worden sei. Keine Sorge – wir werden auch nächstes Mal keinen Relaxtacon machen sondern an der vielfältigen Programmstruktur festhalten. Eine feste Säule im Programm neben den Ehrengästen waren die zahlreichen und sehr unterschiedlichen Lesungen, die hauptsächlich von genre-orientierten Kleinverlagen „bestückt“ worden sind. Die Tüftler des C-Base Open Moon-Projekts faszinierten mit Modellen und Simulationen ihres geplanten Mond-Rovers. Dazu kamen Themen wie Sport in der Science Fiction, Robert Sheckley, Biosphere II, das Ende der Shuttle-Ära, Phantastik in der Schweiz, Cyberpunk versus Anime und eine außergewöhnliche Bühnen-Performance von Bernhard Kempen und Dimitra Fleissner. Mit Bernard Craw hatten wir einen neuen Dozenten für unseren Schreibworkshop an Bord. Die Musik hatte einen festen Platz durch die digitalen Klänge von Singh Boncard und den von Ralf Boldt präsentierten Horror-Punk. Vor allem aber haben die Filker mit ihren kongenialen und mitreißenden Beiträgen sehr zum Gelingen unserer Abend-Show beigetragen. Durch unseren Blick auf das Filmprojekt Nydenion und mehrere deutsche SF-TV-Produktionen war auch das bewegte Bild gut vertreten. 240 Menschen haben sich während des DORT.cons im Gebäude aufgehalten. 10 davon waren zum ersten Mal dabei und haben von unserem günstigen Newbie-Tarif profitiert. Das durchweg starke Feedback hat uns sehr ermutigt weiter zu machen. Der von den Mayas angekündigte Weltuntergang hat in der Schlussveranstaltung kurzfristig sein Nicht-Erscheinen angekündigt. Damit steht einem neuen DORT.con im Jahr 2013 endgültig nichts mehr im Wege.

Externe Berichte

Hier sammeln wir Verweise zu den im Web verstreuten Berichten und Fotogalerien. Wenn ein Eintrag fehlt, bitte kurze Nachricht an den Webmaster (siehe Impressum & Kontakt).

Blog von Ralf Boldt

Bericht von Wolfgang Brandt

Blog des Fandom Observer

Bericht von Günther Freunek (im FO 263, PDF, 1.54 MB)


Bericht von Stefan Holzhauer

Blog von Thorsten Küper
Fotos von Thorsten Küper

Bericht und Foto von Eckhard D. Marwitz

Blog von Sean O'Connell

Bericht von Uwe Post

Fotogalerie von Florian Breitsameter
Zwei Videos von Florian Breitsameter

Blog von Dirk van den Boom

Fotoalben bei flickr: I, II oder III

Videos bei youtube: I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII.