Rückblick 2015

Jenseits der Sonnenfinsternis

Ein Rückblick von Arno Behrend

Eine SF-Convention als Schnittpunkt paralleler Universen: Beim DORT.con 2015 brachte ein außer Kontrolle geratenes Dimensionsportal verstörte Menschen auf die Bühne des Kinosaals im Fritz-Henßler-Haus. Wir haben Sie kurzerhand zu Ehrengästen erklärt und mit ihnen ein interessantes Wochenende verbracht.

Chris Beckett – das Produkt germanischer Nannys

Chris BeckettChris Beckett
Foto: Roger Murmann
Wir haben Chris Beckett auf den DORT.con geholt obwohl – oder gerade weil – nur ein Roman von ihm in Deutsch erschienen ist. Wir haben unsere Wahl keinen Moment lang bereut. Unser Ehrengast von der Insel wird dieses Jahr 60 Jahre alt. Das hindert ihn nicht daran, in ein sehr jungenhaftes und sehr gewinnendes Grinsen auszubrechen, wenn ihm eine interessante oder witzige Idee begegnet. Wir haben ihm von dem Interdimensionsportal erzählt, das während der Eröffnung bei uns aufgetaucht ist. Wir haben ihn darauf vorbereitet, bei der Samstag-Abend-Show improvisierte Politiker-Ansprachen halten zu müssen. Das waren solche Momente, in denen der leicht zu begeisternde Knabe aus dem gereiften Mann hervor lugte. Beckett war vorher nur einmal durch Deutschland durchgefahren. Er hat aber familiäre Verbindungen in unser Land und ist außerdem von deutschsprachigen Au-pairs aufgezogen worden. Wenn er heutzutage Menschen lauscht, die unsere Sprache sprechen, hat er stets den Eindruck, er könne sie vielleicht verstehen, wenn er sich nur ganz fest anstrengt. So hat er es uns erzählt. Durch die ständige und kompetente Betreuung durch unseren Übersetzer Gregor Jungheim habe er sich wie ein Staatsgast gefühlt. Beckett hat eine Kurzgeschichte geschrieben, die in Berlin spielt. In ihr kam die Angst der Briten vor einem ökonomisch übermächtigen Deutschland zum Ausdruck, wie er zugab. Diese Angst wird er selbst kaum fühlen, insbesondere nicht, nach seinem Aufenthalt in Dortmund. Sein Interesse an der deutschen Sprache hat er auch beim Auftritt in der Eröffnungsshow zum Ausdruck gebracht. Er spielte einen verwirrten Reisenden von der britischen Insel, der sich darüber wundert, dass er kein Deutsch mehr spricht – für die Briten seines Universums etwas ganz normales – sondern ein seltsames Idiom namens Englisch. Wir haben die Programmpunkte mit Beckett genutzt, um dem Publikum seine noch nicht übersetzten Werke nahe zu bringen, Dark Eden etwa, die Geschichte eines Volkes, das von den Überlebenden eines Raumschiffabsturzes abstammt. Oder den Roman Marcher, in dem ein Grenzbeamter illegale Übertritte von interdimensional Reisenden zu verfolgen versucht. Auch auf seine Storybände haben wir hingewiesen. Seine Lesung von „The Peacock Cloak“ hat ihm ganz offensichtlich zusätzliche Fans eingebracht. Und ein Gespräch über eine deutsche Veröffentlichung von Stories aus seiner Feder ist hinter den Kulissen auch geführt worden. Sein Text „The Copy“ sei jedem zur Lektüre empfohlen, der sich unser Programmheft sichern konnte. Der Autor hat die Story extra für diese Publikation geschrieben. Chris Beckett hat auch jenseits des offiziellen Programms sehr aufmerksam und interessiert am DORT.con teilgenommen – ganz gleich ob es um die Ostbiografie von Karsten Kruschel oder Lurchis Weltraumreisen ging. Wir hatten das Gefühl, dass er sich bei uns so wohl gefühlt hat, wie wir mit ihm und werden diesem Gast, der auch über eine Facebook-Seite verfügt, sicher weiter verbunden bleiben.

Lothar Bauer – der begabte Schweiger aus dem Saarland

Lothar BauerLothar Bauer
Foto: Roger Murmann
„Ich lasse meine Bilder sprechen.“ Das ist das Motto unseres grafischen Ehrengasts, wenn er aufgefordert wird, auf der Bühne etwas zu sagen. Einige Worte haben wir ihm aber dennoch entlockt. Zum „Internationalen Frühschoppen“ am Sonntagmorgen hat Lothar, getreu seinem Motto, einfach eines seiner Bilder mit auf die Bühne gebracht. Es handelte sich um eines der neueren Stücke, die Industrieruinen im Saarland abbilden. In der Diskussion hat Lothar uns erklärt, dass ihn das Sujet auch deshalb interessiert, weil er junge Leute zum Nachdenken darüber bringen möchte, warum eine solche Anlage letztlich untergeht. Vielleicht gelingt ihnen in der Zukunft Besseres? Die zum Teil atemberaubend schönen Bilder in der Ausstellung waren in der Tat ein beredtes Zeugnis dafür, warum Lothar derzeit bei Magazinen und Verlagen derartig beliebt ist. Das Interesse für seine Bilder hat ihn überrascht und natürlich auch erfreut, wie er in einem persönlichen Fazit erklärt hat. Viele Personen aus dem Fandom, die er bisher nur aus dem Internet kannte, hat Lothar auf dem DORT.con erstmals persönlich gesehen. Er möchte unsere Veranstaltung gerne wieder besuchen, was uns wiederum natürlich freut.

Karsten Kruschel – das unvermutete Fremdsprachengenie

Karsten KruschelKarsten Kruschel
Foto: Peter Fleissner
Von unserem deutschsprachigen literarischen Ehrengast haben wir viel über die Science Fiction-Szene im anderen Teil des Landes erfahren. Mit dem Einbruch einer größeren, internationalen Vielfalt ist dort ein Grad an Gemeinschaft verloren gegangen, so der Autor. In der DDR hat es insgesamt so wenig Science Fiction-Titel gegeben, dass jeder alle Bücher kannte. Man konnte sich auf Fan-Treffen sofort über jedes Buch unterhalten und wurde verstanden. Die Autoren jener Jahre haben ihre speziellen Taktiken entwickelt, um der staatlichen Zensur ein Schnippchen zu schlagen. Beliebt war insbesondere das Einbauen einer klar zu beanstandenden Passage, die von anderer Staatskritik im selben Buch, die weniger deutlich war, ablenken sollte. Der Zensor strich die deutlich hervorstechende Passage und interessierte sich nicht mehr für den Rest. Solche hilfreichen Textstellen waren als „Grüne Elefanten“ bekannt. Karsten hat in seinem Roman Vilm – Der Regenplanet ein Szenario beschrieben, in dem die Überlebenden eines Raumschiff-Absturzes auf einmal sehr gut ohne die Anleitung durch eine bisher privilegierte Führungsschicht auskommen. 1989 sollte das Buch erscheinen, zu einem Zeitpunkt also, als die Führungsschicht der DDR bereits wankte und eine solche Aussage durchaus Brisanz hatte. Die Ereignisse verhinderten dann das Erscheinen, bis Jahre später der Wurdack-Verlag in die Bresche sprang. Das inzwischen preisgekrönte Werk veröffentlicht zu sehen, macht Karsten durchaus Freude. Der DDR weint er keine Träne nach. Ganz im Gegenteil – hinter den Kulissen des DORT.con hat er uns noch so einige Witze und Anekdoten über die Stasi erzählt. Andererseits sieht er die Bundesrepublik auch nicht als das Land in dem Milch und Honig fließen. Eine staatliche Förderung der Science Fiction gibt es im Westen zum Beispiel nicht. In seinem Essay „Herrliche Zeiten“ hat Karsten das wirtschaftliche Erstarken der DDR in Folge eines Goldfunds durchgespielt. Die Wiedervereinigung findet dann unter umgekehrten Vorzeichen statt. Es hat ihn einfach gereizt, der Bundesrepublik ironisch den Spiegel vorzuhalten. Worüber wir uns auch immer freuen, ist, wenn Ehrengäste untereinander in Austausch treten. Lothar Bauer hat inzwischen verkündet, dass er Vilm – Der Regenplanet nach dem DORT.con in kurzer Zeit ausgelesen hat – und dass ihm der Roman damit ja scheinbar gefallen haben muss. Chris Beckett hat in seinem persönlichen Nachbericht erzählt, wie Karsten den Zugang zu Orwells 1984 gefunden hat. Das Buch stand in der DDR ja im „Giftschrank“. Karsten durfte das Buch ausnahmsweise für seine Promotionsarbeit lesen und musste dafür einen speziellen Raum aufsuchen – eine Anekdote, die jetzt ihren Weg nach Großbritannien gefunden hat. Beim abendlichen Show-Rededuell haben wir den Autor gebeten, Argumente für Finnisch als Weltsprache vorzutragen. Als dann tatsächlich ein paar vokalreiche, finnische Vokabeln aus seinem Mund kamen, war das Erstaunen groß. Inzwischen hat Karsten aufgeklärt, dass ihm vielleicht noch vier Worte aus dieser Sprache geläufig sind. Wir hatten viel Spaß mit diesem Gast und er scheinbar auch mit uns.

Weitere Verirrte

SteampunkSteampunk
Foto: Peter Fleissner
Das umhergeisternde Dimensionsportal hat für Chaos gesorgt, an diesem Wochenende. Seltsam gewandete Wesen mit zum Teil pechschwarzer Hautfarbe hat es zu uns verschlagen. Wir haben erfahren, dass sie LARPer genannt werden. Dem Vernehmen nach hatten sie viel Freude bei der gemeinsamen Lösung einer Aufgabe auf dem Con.
So viel konnten wir wieder an diesen zwei Tagen erfahren – über Marsflüge, den Star Wars-Zoo, die Hugo-Awards, Raumpatrouille Orion, Kosmochemie, SF-Kurzfilme, Cyberpunk in der Musik und Violet Ray Machines. Bernhard Kempen hat uns sein Alter Ego Barbara vorgestellt. Es gab zahlreiche Lesungen, nicht nur von Kai Meyer. In der Bücherbörse hat das Amt für Aehterangelegenheiten sein Quartier aufgeschlagen. Nachdem Jürgen Lautner das Thema Steampunk schon mehrmals bei uns platziert und damit wertvolle Vorarbeit geleistet hatte, sind Anja Bagus und ihr Team jetzt, wie es scheint, auf das Publikum getroffen, nachdem sie schon eine Weile gesucht hatten. Offenbar ist das literarische SF-Fandom für verschiedene Richtungen des Genres offener, als man so denkt.

Mit 226 Teilnehmern insgesamt ist der DORT.con stabil geblieben. Neben den großen und kleinen Spenden, die die Komitee-Mitglieder jedes Mal der Kasse zuführen, haben die Beiträge von Besuchern und Fördermitgliedern dazu beigetragen, die Kosten zu decken. Wir können uns also nach einem zufriedenstellenden Con 2015 dem nächsten Projekt zuwenden – der Eurocon-Bewerbung für 2017. Und sollte diese Bewerbung erfolgreich sein, werden sich in Dortmund in zwei Jahren noch ganz andere Dimensionen überlappen.

Externe Berichte

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Berichte & Blogeinträge

Fotos

Videos

Zitate

Thanks so much for inviting me. I thought it was a delightful convention, and enjoyed myself very much. I think you should all be very proud of it.
Chris Beckett

Hallo Ihr lieben Dortmunder!
Ich bin noch müde, aber begeistert vom Con. Es war wieder sehr schön, viele nette Leute getroffen und viel Neues gelernt, gesehen und gehört. Von Herzen kommender Dank für Eure Mühe, und wir drücken die Daumen für Petersburg!
Sabine Seyffarth