Rückblick 2009

Dortmund macht sich auf die Zukunft einen Reim!

Ein Rückblick von Arno Behrend

Da war es also wieder – unser Lieblingsprojekt, das uns alle zwei Jahre mit weit mehr als nur drei Problemen versorgt. Der DORT.con stand, wie immer in den ungeraden Jahren, pünktlich im März vor der Tür. Wir vom Komitee hatten auch diesmal kaum das Gefühl, alles Notwendige für die Vorbereitung getan zu haben. Und dann fährt der Zug ab und es geht entweder gut oder nicht. Letztlich ging alles gut, bei diesem fünften Mal, so viel kann ich voraus schicken. Der Spaß, und das ist ja das Wichtigste, ist auch nicht zu kurz gekommen.

Walter Hunt goes Dan Brown

Dirk van den Boom, Walter H. Hunt & Arno …Dirk van den Boom, Walter H. Hunt & Arno …
Foto: sf-fan.de
Der in Massachusetts lebende Autor Walter H. Hunt verdankt seine Einladung der nachdrücklichen Fürsprache unseres Komitee-Mitglieds Irma Leu. Irma war von den Schilderungen der Aliens im „Dark Wing“-Zyklus begeistert und von der unkonventionellen Problemlösung im ersten Band. Walter hat sich über die Einladung gefreut und ließ direkt bei unserer ersten persönlichen Begegnung große Bescheidenheit erkennen. Beim DORT.con mit Norman Spinrad, Larry Niven, Alastair Reynolds und Nancy Kress in einer Reihe zu stehen, hat ihm sehr geschmeichelt. Mir war das ebenso sympathisch wie Walters großes Interesse an Deutschland. In E-Mails hatte er nur bedingt Kenntnisse unserer Sprache erkennen lassen. In Dortmund eingetroffen erwiesen sich sowohl Walter als auch seine Frau Lisa als geübte Deutsch-Sprecher. Ihre gemeinsame Studienzeit in München liegt nunmehr schon 30 Jahre zurück. Zu Hause sprechen die Hunts aber gerne Deutsch, vor allem wenn sie nicht möchten, dass Tochter Aline sie versteht. Walter hatte begonnen, unsere Sprache zu lernen, weil ihn die Vorgänge rund um die Deutsche Revolution von 1848 interessierten. Geschichte war eines seiner Fächer am College. Das Powerplay, das heutzutage noch zwischen Nationalstaaten stattfindet und von Historikern untersucht wird, ist eines der wichtigsten Themen in seinen philosophisch angehauchten Military-SF-Romanen. Daneben befasst Walter sich zunehmend mit alternativer Geschichtsschreibung. Er arbeitet an einer Parallelwelt, in der der amerikanische Unabhängigkeitskrieg nie stattgefunden hat. Das Abfassen vom mehreren Kurzgeschichten diente ihm dazu, diesen Entwurf im Sinne einer Fingerübung weiter auszuarbeiten. Ein Roman existiert inzwischen auch und liegt beim Verlag vor.
Auf dem DORT.con wurde Walter von Dirk van den Boom und mir interviewt. Er konnte alle Programmpunkte ohne Übersetzung meistern, auch wenn ihm manchmal ein bestimmter Begriff nicht einfiel. Unser Publikum zeigte sich davon nicht wenig beeindruckt. Dirk, der sich als äußerst engagierter und schlagfertiger Interviewer erwies, tat während des Interviews gerade so, als sei er eher ein Kritiker und nicht ein Fan der militärisch angehauchten Science Fiction. Er entlockte Walter, dass er die philosophischen Aspekte in seinen Romanen lieber ausgebaut und die Weltraumschlachten gerne reduziert hätte. Der Verlag sagte dazu aber: „Wenn Du einen Kriegsroman schreibst, muss auch Krieg darin vorkommen.“ Im zweiten Band des Dark Wing-Zyklus konnte der Autor die Gewichtung dann etwas verändern. Sein neuer Roman Song in Stone geht in eine andere Richtung. Der Protagonist entdeckt in diesem Buch, dass die Architektur der Rosslyn-Kapelle in Schottland ein Geheimnis enthält, das mit dem Untergang des Templer-Ordens zu tun hat. Er wird durch eine Zeitreise in die Epoche vor der Errichtung der Kapelle versetzt und muss sich dort zurechtfinden. Die Auflösung des Romans enthält eine Science-Fiction-Pointe, die Walter nicht verraten wollte. Das historische Thema ermunterte Dirk zu dem Ausspruch: „Walter Hunt goes Dan Brown and does it right.“
Walter und seine Familie haben die Tage in Dortmund sehr genossen, wie sie mir versichert haben. Wir haben ihn als sehr intelligenten, gebildeten und vielseitig interessierten Autor kennen gelernt. So war seine Begeisterung für Brettspiele uns beispielsweise völlig neu. Eine geplante Spielrunde mit Mitgliedern unseres Gopher-Teams ist leider nicht mehr zustande gekommen. Dafür haben wir uns mit ihm auf der Dead Dog-Party noch intensiv über die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Cons unterhalten. Wir haben uns letztlich nur ungern wieder von unserem Gast verabschiedet. Seine Buchveröffentlichungen werden wir noch intensiver im Auge behalten als schon bisher.

Dieter Rottermund goes Freestyle

Gabriele Behrend und Dieter Rottermund beim Interview …Gabriele Behrend und Dieter Rottermund beim Interview …
Auch unserem zweiten Ehrengast ist Bescheidenheit zu Eigen. Dieter Rottermund hat über viele Jahre hinweg wunderbare Buchcover geschaffen, die als Ausstellung unsere Besucher sofort überzeugt haben. Seine Präsentation war sicherlich die Beste, die es auf dem DORT.con bisher zu sehen gab. Ihr Urheber sieht sich selbst aber eher als Handwerker denn als Künstler. Im Interview mit Gabi Behrend ließ er erkennen, dass er nichts dem Zufall überlässt. Eine Situation mit Personen, die sich auf dem Buchcover wieder finden soll, wird von ihm gewöhnlich mit menschlichen Modellen nachgestellt und fotografiert. Wenn es sein muss, werden dafür auch extra Kostüme geschneidert. Das Foto dient dann als Grundlage für das gemalte Bild, weil auch die feinsten Einzelheiten eines Faltenwurfs darauf zu erkennen sind. Zwei Wochen sind nötig, um ein Cover fertig zu stellen. Auf das eigentliche Malen entfallen dabei nur zwei bis drei Tage.
So zurückhaltend, wie Dieter Rottermund zunächst erscheint, so auskunftsfreudig war im Interview. Unsere Gabi kam kaum zu Wort, und das kommt nicht gerade häufig vor. Man konnte sehen, wie die Begeisterung für das eigene Fach den Maler beflügelte. Weniger optimistisch äußerte er sich hinter den Kulissen zu den Aussichten, in den phantastischen Genres so beschäftigt zu sein wie früher. Der Rückgang der Titelproduktion bei Heyne und der bisherige Ausstoß der jüngeren Kleinverlage bedeuten für ihn weniger Aufträge. Seine Firma Rottermund Medien Design nimmt sich daher aller möglichen Kundenwünsche an, vom Tierportrait über Firmenlogos bis hin zur Innenarchitektur.
Nach langen Jahren als Illustrator möchte Dieter Rottermund sich jetzt endlich stärker der freien Kunst widmen und einfach malen, was er möchte. Man darf gespannt sein, welchen Visionen er auf der Leinwand Gestalt verleihen wird. Wie er uns mitgeteilt hat, war es ihm eine Freude, seine Arbeit einem wirklich interessierten Publikum zu präsentieren. Der rege Zuspruch, so Dieter in einer Mail an uns, habe ihm Kraft für seine Arbeit gegeben.

Markus Heitz goes Space

Markus Heitz & Arno …Markus Heitz & Arno …
Foto: dortcon.de/Michael Ehrt
Der erfolgreiche Fantasy-Autor Markus Heitz hat es geschafft, uns in seinen Terminplan einzupassen. Also erschien er zum Interview, malte uns die Einzelheiten zu seinen Werken genauer aus und überraschte uns mit seinen speziellen Interessen und Projekten. Die Idee, mit dem Ulldart-Zyklus einen sehr eigenständigen Fantasy-Zyklus zu schaffen, war ihm schon in jungen Jahren gekommen, als er Spielleiter bei Fantasy-Rollenspielen war. Der Text des ersten Teils nahm mit der Zeit Formen an. Bekannte rieten dazu, das Manuskript an den Piper-Verlag zu schicken. Wenig später lag ein vierbändiger Zyklus vor, auf den der Autor stolz sein konnte. Auf die Standardcharaktere der Fantasy verzichtet zu haben, war etwas, was er sich zugute hielt: Elfen, Trolle, Zwerge, Orks und Feen spielten keine Rolle. Als Stan Nicholls mit seinem Buch über die tolkienschen Orks großen Erfolg erzielt hatte, konnte Markus Heitz letztlich doch nicht widerstehen, etwas Ähnliches anzufangen. Sein Verlag ließ ihm die freie Wahl, welches Volk er porträtieren wolle. Und da er die Zwerge insbesondere in der Verfilmung des Herrn der Ringe als diskriminierte Minderheit wahrnahm, entschied er sich, für dieses Volk eine Lanze zu brechen. Ein Buch mit dem Titel Die Elben wird es nicht geben. „Die sind mir zu perfekt“, so der Autor.
Mit seinen Thrillern rund um die Bestie von Gévaudan hat Markus Heitz eine Version der Ereignisse abgeliefert, an die er selbst nicht glaubt. In seinen Romanen ist die Mordserie auf Werwölfe zurückzuführen. Tatsächlich ist er nach umgangreichen Recherchen der Ansicht, dass die Morde von einem maskierten Psychopathen begangen worden sind oder von einem Tier, das dieser abgerichtet hat. Noch intensiver hat sich der Autor mit den Vampiren befasst, über die er jetzt ein Sachbuch vorgelegt hat. Während dieser pseudorealistische Band humorvoll mit dem Mythos spielt, denkt Markus Heitz selbst, dass der Vampirglaube aus mehreren Quellen entstanden ist: Damals unerklärliche Seuchen, wie der Milzbrand, vampirische Fledermäuse oder das Phänomen des Scheintods hätten sich danach zum Mythos verdichtet. Insbesondere der nicht so seltene Fall eines lebendig begrabenen Menschen, der nur wenige Zentimeter unter der Erde hörbar gegen den Sargdeckel klopft und dann von der abergläubischen Verwandtschaft nicht gerettet sondern vorsorglich gepfählt wird, verdeutlicht die Tragik eines solchen Irrglaubens.
Mit seinen Shadowrun-Romanen hat Markus Heitz bereits Science Fiction-Erfahrung gesammelt. Für das DORT.con-Publikum überraschend, hat er jetzt angekündigt, an einer Space Opera zu arbeiten. Das Projekt ist ernst gemeint und soll möglichst im kommenden Jahr zu einer Veröffentlichung führen. Für uns also ein weiterer Grund, in der Buchhandlung nach einem Titel von Markus Heitz zu greifen.

DORT.con goes Poetry

Gabriele (l.) und Arno (r.) Behrend mit den Teilnehmern des Poetry SlamGabriele (l.) und Arno (r.) Behrend mit den Teilnehmern des Poetry Slam
Schön war sie, die Samstagabend-Show des DORT.con 2007. Nachdem Dortmund den SuperScienceFictionFan gesucht und gefunden hatte, schien eine Steigerung unserer bewährten Fernsehparodien kaum noch möglich. Gut, dass Gabi Behrend eine andere Idee hatte. Mit viel Elan überzeugte sie das Komitee des DORT.con von einem Science Fiction-Poetry Slam, einem Dichterwettstreit der etwas anderen Art, wie es sie ähnlich in der Underground-Szene Deutschlands schon lange gibt. Dafür mussten erst einmal Poeten gefunden werden – und sie kamen. Mit Toby Katze, Claas Neumann, Thorsten Sträter und Michael Heide trat eine Schar erfahrener Slammer an. Autor Uwe Post nahm zum ersten Mal an einem solchen Wettstreit teil. Was da geboten wurde, hat unser Publikum verblüfft und gewaltig amüsiert: Die Zukunft der Rock-Musik nahm in Form einer Punkband Gestalt an, die bei einem Konzert kein Stein mehr auf dem anderen lässt. Eine in drei Teilen aufgeteilte Zeitreisstory wartete mit einer ausgefeilten Pointe auf. Ein Praktikant an Bord eines Raumschiffs löschte versehentlich Hannover aus. Ein Freizeit-Batman wurde im Zuge seiner Heldentaten festgenommen und musste erklären, warum er sich als Eichhörnchen verkleidet hat. Den Sieg konnte schließlich Thorsten Sträter einfahren, der den köstlichen Batman-Text anfangs gar nicht lesen wollte. Ich musste ihm hinter der Bühne versichern, dass jeder SF-Fan die Anspielungen verstehen wird. Dass sich vier begnadete Performer für unser Publikum Gedanken gemacht und im Wettstreit ihr Bestes gegeben haben, hat unser Abendprogramm auf ein neues Niveau gehoben. Wir haben oft gehört, dass wir diesen Slam nächstes Mal wieder machen sollen und haben das auch vor.
Man kann sagen, dass unser Tagesprogramm diesem Niveau standgehalten hat: Der europäische Raumtransporter ATV, Fan-Filme, Weltraumtourismus, der Film 2012, asiatische SF, die Mark-Brandis-Reihe, die innovative TV-Serie Nr. 6, die Ökonomie des Schenkens, Jean Michelle Jarre, die Komplettierung des Films Metropolis, Doctor Who, Fritz Leiber, BattleTech, Perry Rhodan – alle diese Themen hatten ihre Liebhaber. Auch die Lesungen dazwischen waren überwiegend gut besucht. Mehrmals hat uns die Technik einen Streich gespielt und für Verzögerungen gesorgt. Dazu gab es keine Schelte sondern aufmunternden Zuspruch aus dem Publikum und die freiwillige Meldung eines Fans, der uns auf diesem Gebiet zukünftig unterstützen möchte. Wer zwischendurch Zeit hatte, konnte bei den Schriftsonar-Machern einen 90-sekündigen Buchtipp ins Mikrofon sprechen, der als Podcast auf der Website der Seite veröffentlicht wird. Auch hier gab es regen Zuspruch. Sehr zur Atmosphäre auf dem Con haben auch die Filk-Musiker beigetragen, sei es durch das Konzert am Sonntagmorgen oder einen vereinzelten Auftritt mit einer Harfe mitten im Foyer. Durch Musik kann ein manchmal recht nüchternes Event einen regelrechten Zauber bekommen.
Komitee und Helfer-Team haben sich nicht umsonst engagiert: Der Con hat seine Kosten fast vollständig wieder eingespielt. Unsere Rückkehr im Jahr 2011 ist gesichert. Wir werden wieder an den Start gehen, schon allein, weil uns das Feedback sowohl des Publikums als auch der Ehrengäste wieder sehr motiviert haben. Also – bis zum nächsten Mal!

Externe Berichte

Hier sammeln wir Verweise zu den im Web verstreuten Berichten und Fotogalerien. Wenn ein Eintrag fehlt, bitte kurze Nachricht an den Webmaster (siehe Impressum & Kontakt).

Blog von Walter H. Hunt (I)
Blog von Walter H. Hunt (II)

Blog des Atlantis-Verlags

Blog von Ralf Boldt

Fotogalerie von Florian Breitsameter
Videos von Florian Breitsameter

Bericht in Contact Imminent, mit freundlicher Genehmigung von Six Of One

Artikel im Corona-Magazine

Blog von EDM (I)
Blog von EDM (II)

Bericht von Günther Freunek (im FO 239, PDF, 2.16 MB)

Blog von Gallagher

Blog von Harald Giersche (I)
Blog von Harald Giersche (II)
Blog von Harald Giersche (III)

Blog von Helgas Galaktische Funkbude

Kurzer Kommentar von Ju Honisch

Fotogalerie von Michael K.

Blog von Thorsten Küper (I)
Blogeintrag (II) und „klassische Webseite“ von Thorsten Küper
Blog von Thorsten Küper (III)

Bericht von Jürgen Lautner (so auch in den AN 225, S.12-15 zu finden)

Bericht von Marc Müntz

Blog von Uwe Post

Fotogalerie des ProjekteVerlag

Blog des Schriftsonar (I)
Blog des Schriftsonar (II)

Sendung mit Interviews von SF-Radio.net

Blog von Sam Smiley, das Video gibt's auch direkt bei YouTube.

Bericht von SpaceDog

Fotogalerie des TCE

Artikel des Thoregon e.V.
Fotogalerie des Thoregon e.V.

Blog von Dirk van den Boom (I)
Blog von Dirk van den Boom (II)
Blog von Dirk van den Boom (III)

Kommentar und Fotos von WerkZeugs.

Artikel in der WR