Rückblick 2005

DORT.con 2005 – auf einem weit entfernten Asteroiden

Ein subjektiver Bericht von Arno Behrend

Der Chairman und sein Vize haben es wieder einmal geschafft: Als komödiantische Bruchpiloten haben Arno Behrend und André Diehl die USS DORT.con im März dieses Jahres gehörig auf Grund, bzw. auf einen Asteroiden gesetzt. Ein Subraumgespräch mit den „pinken Engeln“ der Galaxis macht schnell klar: Besatzung und Passagiere müssen zwei Tage ausharren, bis der Abschleppdienst da sein wird. In dieser Zeit kann sich die Crew auf ihre eigentlichen Stärken besinnen und den Passagieren ein abwechslungsreiches Programm bieten.

Von schnellen Kameras und Schweinen im Weltall: Alastair Reynolds

Alastair Reynolds im Gespräch mit Arno Behrend, rechts Übersetzerin Maria Peter.Alastair Reynolds im Gespräch mit Arno Behrend, rechts Übersetzerin Maria Peter.
Der britische Schriftsteller ist wohl einer der sympathischsten und unkompliziertesten, die wir in Dortmund bisher zu Gast hatten. Gemeinsam mit seiner Verlobten Josette reiste er mit der Bahn von Remscheid aus an, wo sie vor und nach dem Con bei Freunden übernachtet haben. So sehr wir es auch versucht haben – es uns nicht gelungen, auch nur einen Teil der Fahrtkosten zu übernehmen.
Im Gespräch erschien der Autor relativ nüchtern und bemüht. Reynolds gehört zu einer Riege starker Autoren von der britischen Insel, hat aber als Einwohner der Niederlande kaum Kontakt zu Leuten wie Stephen Baxter, Iain Banks oder Peter F. Hamilton. Die Konkurrenz zu diesen Autoren sieht er aber sehr wohl als gegeben an. Sein Ziel, so Reynolds, sei es, eine neue Idee aus der Wissenschaft zu verwerten „bevor Stephen Baxter es tut“. Das Reynolds' Zugang zur SF ein sehr stark wissenschaftlich-technischer ist, kommt nicht von ungefähr. Als ESA-Ingenieur hat er an einer Kamera gearbeitet, die Bilder von Sternen möglichst schnell aufnehmen soll. Er hat uns davon berichtet, und schnell ist der Eindruck entstanden, dass hier ein Vollprofi seiner anspruchsvollen Tätigkeit nachgegangen ist. Inzwischen ist Reynolds „nur noch“ freiberuflicher Schriftsteller und als solcher erfolgreich.
Reynolds' Bild von der Zukunft ist ambivalent. Er beschreibt in seinen Romanen eine düstere, dekadente Zukunft, wie er uns erklärt hat, weil Konflikte sich einfacher in Geschichten umsetzen lassen. Auch die Frage der unklaren Identität, die in seinen Geschichten auftaucht, eignet sich als Thema, weil sie den Leser intensiv anspricht. Der Einsatz von Nanotechnologie in Reynolds' Zukunftswelt basiert auf den hohen Erwartungen, die sich an diese Technik gerichtet haben. Heute, so der Autor, sieht man Probleme mit der Abwärme und der Energieversorgung der Nanoso-Assembler, die viele Visionen in Frage stellen. „Dass Nanosonden einen Asteroiden in kurzer Zeit in eine Fabrik verwandeln, würde ich heute nicht mehr so schreiben“, so Reynolds. Eine Zuschauerfrage hat den freundlichen aber recht trockenen Autor dazu verleitet, den Saal in Gelächeter ausbrechen zu lassen. Ein Leser wollte wissen, wie er auf die Idee gekommen sei, in seinem Roman Chasm City intelligente Schweine auftreten zu lassen, die wie Menschen leben. Reynolds' ernsthafte Antwort: „Also, da gab es diese Fernsehsendung, die hieß die 'Muppet Show' …“

Die Zukunft der Vergangenheit: Thomas R.P. Mielke

Thomas R.P. Mielke im Gespräch mit Arno Behrend.<br />Foto: Klaus G. SchimanskiThomas R.P. Mielke im Gespräch mit Arno Behrend.
Foto: Klaus G. Schimanski
„… na, dann ist ja für Unterhaltung gesorgt.“ Kommentare dieser Art hört man öfter, wenn man Thomas R.P. Mielke als Ehrengast eingeladen hat. Der Mann hat eine bunte, zum Teil abenteuerliche Biografie. Vom Abhauen aus der DDR über das Texten für die psychologische Kriegsführung der Bundeswehr, dem engräumigen Beschriften von Waschmittelkartons bis zum Drehen von Dokumentarfilmen in Berlin. Wenn man ihn in Natura erlebt, kann man sich das alles ganz schnell vorstellen, denn Thomas Mielke lässt einen darüber nicht im Unklaren. Er quillt geradezu über vor Anekdoten. Immer wieder gerne erzählt er zum Beispiel von dem Treffen der Organisation World SF in Peking, während dem sich das Regime des Landes enorme Mühe gegeben hat, die Gäste mit einem aufwändigen Rahmenprogramm bei Laune zu halten. Wie sich heraus stellte, hatte die Tochter eines hohen Parteifunktionärs, die das Treffen unbedingt veranstalten wollte, den Eindruck entstehen lassen, es handele sich um eine Abordnung von Wissenschaftlern und nicht von SF-Autoren. „Da sind anschließend mit Sicherheit Köpfe gerollt“, erzählt Mielke und gluckst.
Mielkes phantastische Erzählungen fallen aus dem Rahmen des Üblichen. Heute schreibt er nur noch historische Romane. Für ihn ist das kein Widerspruch, wie er im Übrigen auch zwischen Fantasy und Science Fiction keine Grenze gezogen wissen will. Den Orlando Furioso nachzuerzählen, interessierte ihn, weil diese Geschichte, wie viele aus der „vormodernen“ Zeit, bereits viele Hinweise auf mögliche moderne Technologien enthält. Diese phantasiereichen Vorahnungen faszinieren Mielke. Was er im Interview darüber zu erzählen hatte, hat viele Zuhörer verblüfft.
Doch damit allein wollte der Autor es nicht bewenden lassen. „Es muss ein Ende damit haben, dass in Deutschland immer nur gejammert wird“, war seine Botschaft während des „Frühschoppens“ am Sonntag-Morgen. Und die hat er mit einer erfrischenden Schärfe vorgetragen. Der Pessimismus sei kein Weg, um die anstehenden Probleme der kommenden Jahrzehnte, wie etwa die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu lösen. Da müsse man schon die Ärmel hochkrempeln. Weniger Verständnis und Zustimmung gab es aus dem Publikum für die Ansicht, er habe als Autor keine moralische Verantwortung für seine Texte zu tragen, zum Beispiel wenn jemals irgendein Detail aus Ihnen für Verbrechen genutzt würde. Das wurde im Publikum durchaus anders gesehen.
Thomas R.P. Mielke hatte, wie er uns versicherte, Spaß am DORT.con, den er von anderen, hemdsärmligeren Veranstaltungen unterschieden sieht. Für ihn, der sich der Science Fiction nicht mehr so eng verbunden fühlt, war die Veranstaltung auch eine Möglichkeit, den heutigen Stand des Genres wieder besser kennen zu lernen. Angetan war er auch davon, dass dem Komitee nicht entgangen ist, dass die beiden literarischen Ehrengäste nacheinander auf dem Con Geburtstag hatten! So gab es erst für den deutschen Gast am Samstag eine Torte und am Tag darauf noch mal für Alastair Reynolds. Für die Besucher waren Thomas R.P. Mielkes temperamentvolle Vorträge und Wortmeldungen in jedem Fall ein Gewinn.

Der Meister des elektronischen Tabletts: Klaus G. Schimanski alias „Sam Smiley“

Sam Smiley präsentiert Grafiken im Kaffeeklatsch, links Ausstellungschefin Gabriele Behrend.Sam Smiley präsentiert Grafiken im Kaffeeklatsch, links Ausstellungschefin Gabriele Behrend.
Dieser Mann sagt nicht viel. Das muss er aber auch nicht, weil ihm andere Mittel als die Sprache zur Verfügung stehen, um Menschen zu faszinieren. Klaus Schimanski ist unser erster grafischer Ehrengast, und diese Einladung haben wir wahrlich nicht bereut. Zum Einen hatte der in Bochum beheimatete Zeichner eine Reihe sehenswerter Arbeiten im Gepäck, die wir in unserer Ausstellung präsentieren konnten. Darüber hinaus hat es einen eigenen Programmpunkt gegeben, den wir „Künstlerbericht“ getauft haben. Was hier als Vortrag mit gleichzeitiger Vorführung des Grafiktabletts passiert ist, hat selbst Leute beeindruckt, die selbst nicht vorhaben, diese Technik zum Einsatz zu bringen. „Jetzt müsste man noch zeichnen können“, war etwa einer der Kommentare aus dem Publikum, nachdem Klaus das grafische Arbeiten auf mehreren Ebenen demonstriert hatte. Programmpunkte, bei denen im Saal auf der Leinwand etwas passiert, kommen immer gut beim Publikum an. Wir fühlen uns ermutig, so etwas wieder zu versuchen.
Über Klaus haben wir erfahren, dass er „runde“ Objekte als Motiv bevorzugt. Das Zeichnen von Raumschiffen gefällt ihm schon nicht, weil dabei viele Vorgaben zu beachten seien. Somit wird schnell klar, warum er sein immenses Talent besonders auf die charakter- wie auch humorvolle Darstellung meistens menschlicher Figuren angewandt hat. In den Kaffeeklatschrunden hatten unsere Besucher die Gelegenheit, den Künstler etwas näher kennen zu lernen und zu verstehen, dass der zeichnerische Humor tatsächlich in seiner meistens eher zurückhaltenden Persönlichkeit begründet ist. Klaus hat sich gefreut, dass der DORT.con das Thema der Illustration erstmals aufgegriffen hat. Wir haben uns darüber gefreut, was er uns dazu mitzuteilen und nicht zuletzt mitzubringen hatte.

Neues aus den unendlichen Weiten des Fandoms

Am Samstagabend hatten André Diehl und Arno Behrend das Vergnügen, eine Quiz-Show mit den drei Ehrengästen zu moderieren. Diesmal handelte es sich um ein echtes Quiz im Gegensatz zum Sketch des Jahres 2002. André hat ein TV-Format erfolgreich für unsere Zwecke adaptiert: Die Gäste führten jeweils ein Team aus dem Publikum an. Die Punktzahl hing also nicht nur vom Wissen der drei Kandidaten ab, sondern auch von dem der Zuschauer, die voll ins Geschehen einbezogen wurden. Als Autor der Fragen und einziger Kenner aller richtigen Antworten, versuchte Arno oft, die Teams mit Günther-Jauch-Methoden zu verunsichern – meistens erfolglos. Schwieriger waren da schon die anspruchsvolleren Fragen. Und das die meisten davon Team 3 gestellt wurden ist reiner Zufall gewesen – ganz ehrlich! Schließlich trug das Team des profunden SF-Kenners Alastair Reynolds den Sieg davon. Der Autor konnte die Siegprämie anschließend in der Cafeteria in ein paar Biere für sein Team investieren. Das Ganze hat so viel Spaß gemacht, dass wir auch diesen Programmpunkt in zwei Jahren eventuell wiederholen wollen.
Nicht nur während des Quiz ist eine Fan-Gruppe besonders hervorgetreten. Die Dortmunder Farscape-Fans haben unser Programm auch mit einem Vortrag über die nunmehr fortgesetzte Serie bereichert und am Samstag den Kinosaal für eine Vorführung mehrerer Folgen in Beschlag genommen. Die hat auch vielen unserer anderen Besucher gefallen.
Mit Michael K. Iwoleit, Bernhard Kempen und Thorsten Küper war unsere diesmalige Gemeinschaftslesung glänzend besetzt. Die drei Autoren präsentierten das neueste aus Ihrer Feder und konnten ihr Publikum hervorragend unterhalten.
Achim Hiltrop berichtete über sein literarisches Online-Projekt, die Gallagher-Chroniken http://www.clou-gallagher.de/. Der Kritiker Hartmut Kasper fragte, wann selbst gute deutsche Autoren zum letzten Mal das Wort „gleißend“ verwendet haben, und brach damit eine heiße Diskussion über das Niveau der SF-Literatur vom Zaun. Matthias Pätzold berichtete in „Mars and beyond“ über die zukünftigen Pläne der NASA. Hardy Kettlitz befragte Michael Schneiberg und F. C. Stoffel nach ihrem Webradio-Projekt Schriftsonar http://www.schriftsonar.de/ und ließ sie eine ihrer hörbaren Buchkritiken auf der Bühne improvisieren. Michael Iwoleit hat uns auch über die internationale Ausgabe des NOVA-Magazins http://www.nova-sf.de Auskunft gegeben, die inzwischen erhältlich ist. Unser Lieblings-Schweizer Markus Bauer beschäftigte sich in seinem, wie immer, medial bestens vorbereiteten Vortrag mit den Illustrationen von Johnny Bruck. Robert Vogel berichtete über die Dreharbeiten zu den neuesten Folgen der Stargate-Serie. Der Storyworkshop verhalf sieben Teilnehmern zu neuen Manuskripten. Fünf weitere Besucher bekamen erstmals im Grafik-Workshop die Chance, Texte unserer Ehrengäste zu illustrieren.
Erstmals hat der DORT.con einen Schülerwettbewerb durchgeführt. Ganze Schulklassen und Einzel-Teilnehmer aus dem 6., 9. und 10. Jahrgang der Dortmunder Gymnasien haben Urkunden entgegen genommen. Ihre eingesandten Stories und Bilder waren auch im Programmheft zu bewundern. Beim Storywettbewerb der „Erwachsenen“ hat Michael Schneiberg den Vogel abgeschossen. Zum Thema „Auf leisen Pfoten ins Übermorgen“ verfasste er sein poetisches Manuskript „Jackville und der Geisterhund“ und hat damit das Programmheft veredelt.

Irgendwann war dann der galaktische Abschleppdienst endlich da und viel zu früh. Gut 200 Leute sind nach Dortmund gekommen und haben sich zwischen Cafeteria, Bücherbörse, Kinosaal und den übrigen Programmräumen wohl gefühlt. Finanziell ist der Con für uns mit einem kaum nennenswerten Gewinn und damit zufrieden stellend zu Ende gegangen. Nachdem André und Rieke Diehl uns aus Zeitgründen nicht mehr wie bisher unterstützen können, haben notwendige Umbesetzungen schon stattgefunden. Mit Mario Belverato und Hajo Schlosser sind zwei neue Leute an Bord. Und wir wissen jetzt schon: Der nächste DORT.con startet am 17. März 2007!

Externe Berichte

Weitere Berichte über den DORT.con 2005 gibt es auf folgenden Webseiten:

scificon.de

sf-fan.de Bericht

sf-fan.de Foto-Galerie

sam-smiley.net

FO 190 (PDF, 1.19 MB)

Foto-Galerie von „gallager“

Foto-Galerie des Science Fiction Treff Darmstadt

Fotogalerie von Ralf Zimmermann